Adbusting mit Polizei-Werbung

veröffentlicht am 1. Oktober 2020

Die Berliner Polizei macht gerade eine Plakat-Kampagne mit dem Titel "110%". Die Kommunikationsguerilla-Gruppe "110% subversiv" hat dazu eine verbesserte und bis zur Kenntlichkeit entstellte Adbusting-Serie auf die Straßen der Haupstadt gebracht. Die Aktivist*innen thematisieren Rassismus, Sexismus und Gewalt in der Polizei. Benjamin Jendro, Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist hingegen beleidigt: "perfide, menschenverachtend und armselig." Subversika Meyer, Sprecher*in der Aktionsgruppe „110% subversiv“ dazu: "Jed*e Berliner *in weiß: Die Berliner Polizei steht für Gewalt, Rassismus und Mackertum. Und das zeigen wir mit der neuen Serie auf."

Polizei ist diskursiv unter Druck
Wie man mit bescheuerten Werbekampagnen Steuergeld verschleudert, kann man gerade in Berlin beobachten. Die Berliner Polizei hat gerade massive Probleme, weil angesichts einer Vielzahl von Skandalen allzu sichtbar geworden ist, was für ein brauner Haufen, dessen hauptsächliches Deeskalationsmittel stumpfe Gewalt ist, sich da in den Revieren und Kasernen versammelt hat.

Neue Imagekampagne
Um davon abzulenken ließ sich die Berliner Polizei eine neue Image- und Propagandakampagne von der Werbeagentur DOJO basteln. Viel zu dunkle Poster zeigen u.a. einen behelmten uniformierten Gewalttäter. Darunter steht: „Du willst dich für Gleichberechtigung, Toleranz, respektvollen Umgang und friedliche Deeskalation einsetzen? Dann bewirb Dich jetzt.“ Text-Bild-Scheren wie diese und das weit verbreitete Erfahrungswissen, dass die Berliner Polizei im Alltag mit Gleichberechtigung, Toleranz und Respekt absolut nichts an der Mütze hat, provozierte jede Menge kritische Kommentare im Internet.

Selbst die Werbeagentur hält die Polizei für einen Haufen Schläger*innen und Rassist*innen
Diesen Shitstorm konterte die Propaganda-Bude aus Kreuzberg auf Instagram mit einem Statement: „Wir können die Wut gut nachvollziehen. Auch wir sind kompromisslos gegen Polizeigewalt, rechtes Gedankengut, Racial Profiling, Übergriffigkeit und Aufrechterhaltung eingesessener rassistischer Strukturen. (…) Unsere recruting-Kampagne soll nicht brainwashen, whitewashen oder über irgendwas hinwegtäuschen. (…) Vielmehr wollen wir unsere Möglichkeiten nutzen, klare Werte nach Außen zu kommunizieren, um eine neue Generation für die Polizei zu begeistern.“

Diskursangebote ernst nehmen
Diese Ankündigung nimmt das Kommunikationsguerilla-Kollektiv „110% subversiv“ nun wörtlich. Die Aktivist*innen kaperten die Kampagne mit Adbustings und präsentierten heute in der Berliner Innenstadt über 30 veränderte Polizeiposter.

Den Hauptslogan der originalen Kampagne lautet: „Wir schützen auch das Recht, gegen uns zu sein“. Diese Idee klauten die ach so kreativen DOJO-Leute einfach bei Castenow, der Werbeagentur der Bundeswehr. Damit es keinen Ärger mit dem Urheber*innenrecht gibt, machte „110% subversiv“ daraus: „Wir scheißen auf das Recht, gegen uns zu sein. 110% Willkür.“

Aus „Die Waffen der Frauen? Die gleichen wie die der Männer“ machte die Kommunikationsguerilla: „Die Waffen der Polizei? Lügen, Gewalt, Rassismus. 110% Schikane“.

Auch den Spruch „Den Respekt der Straße muss man sich verdienen“ entstellte die Kommunikationsguerilla bis zur Kenntlichkeit. Er lautet nun: „Den Respekt der Wache muss man sich ermackern. 110% Sexismus.“

Den sinnfreien Slogan „Wir wollen wachsen, nicht nur größer werden“ füllten die Aktivist*innen einfach mit Inhalt: „Wir sind #Nazi-Netzwerk, nur größer. 110% Deutschland.“

Polizei hat einen miesen Ruf
„Wie mies muss der eigene Ruf sein, dass selbst die eigene Werbeagentur zugibt, dass die Polizei ein fettes Problem mit Rassismus, sexistischem Mackertum und Gewalt hat?“ freut sich Subversika Meyer, Sprecher*in der Aktionsgruppe „110% subversiv“. „Unsere Adbusting-Aktion werden die Cops sicher nicht witzig finden.“ In der Vergangenheit sammelte die Berliner Polizei DNA-Spuren auf veränderten Postern. In 2018 und 2019 kam es in Berlin zu mindestens 5 Hausdurchsuchungen wegen Adbusting. „Die Begründung war: Adbusting macht die Behörden lächerlich“ erklärt Subversika. „Das dürfte uns auch heute gelungen sein.“

GdP: "perfide, menschenverachtend und armselig"
Zum Lächerlich machen trägt auch Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei bei. Anstatt die bestehenden Probleme mit Rassismus, Sexismus und Gewalt in der Truppe ernst zu nehmen und sich seiner Verantwortung zu stellen, negiert er auf Twitter das Problem. Jendro postet: "Diese wundervollen Erzeugnisse hängen an der Stresemannstraße/Schöneberger Straße - das ist keine Meinungsäußerung, sondern perfide, menschenverachtend und armselig - Kann nicht sein, dass das stärkste Mittel des Rechtsstaats gegen solche Perversion das Kunsturheberrecht ist."

Reaktionen der Passant*innen
Auch auf der Straße vor den Vitrinen war die Reaktion positiv: Am Alex liest sich ein älteres Ehepaar die veränderte Werbung genau durch. Der Mann erklärt einer danebenstehenden Person, dass es diese Gruppe in Berlin gibt, die Polizeiwerbung verändert und mit kritischen Texten in die Kästen hängen. Es freut uns, dass er so gut Bescheid weiß und die Werbung anscheinend auch schön findet. Er weiß natürlich nicht, dass die Person, die er angespricht, Teil dieser Gruppe ist. Am Hauptbahnhof werden die plakatierenden Personen gefragt, ob die Werbung echt sei. Denn dass die Polizei über sich selbst so etwas schreibt, wundert ihn. Die Aktion fällt auf: viele Menschen schauen genau hin und fotografieren.

Grüße an Klabalik und Frida
"Außerdem sendet 110% subversiv mit ihrer Adbusting-Aktion Probs und viel Kraft an die Genossin*innen von der anarchistischen Bibliothek Kalabalik" ergänzt Subversica. Dort habe die Bundesstaatsanwaltschaft neulich die Hüte auseinander genommen: https://kalabalik.blackblogs.org/
"Und an Frida, die gerade vor dem Bundesverfassungsgericht gegen eine Hausdurchsuchung wegen Adbusting klagt"
https://plakativ.blackblogs.org/2020/09/11/hausdurchsuchungen-wegen-adbustings-berliner-lka-wiegt-sich-noch-in-sicherheit/

"Denn wir wissen ja alle: Ob friedlich oder militant: Wichtig ist der Widerstand!"

Mehr Infos:

Terrorabwehrzentrum beschäftigt sich mit Adbustings:
https://netzpolitik.org/2020/mit-geheimdienst-polizei-und-terrorabwehrzentrum-gegen-ein-paar-veraenderte-plakate/

Hausdurchsuchungen wegen Adbusting
https://taz.de/Kriminalisierung-von-Adbusting/!5664706/

DNA-Proben wegen veränderter Werbeposter:
https://taz.de/Repression-gegen-Adbusting/!5693667/

Rechte Vorfälle in der Berliner Polizei
Weil das Gedächtnis von Öffentlichkeit und Journalist*innen ja leider nicht besonders lang ist, wenn es um uniformierte, staatlich bezahlte Gewalttäter*innen geht und gerade die liberalen Vertreter*innen der schreibenden Zunft gerne am Mythos der Einzelfälle festhalten, hier als Gratis-Recherche-Serviceleistung eine kurze unvollständige Zusammenstellung der Fälle von Gewalt, Sexismus und Nazi-Kram bei der Berliner Polizei, der es in letzter Zeit in die bürgerliche Presse geschafft haben:

24 rassistische Todesfälle im Polizei-Gewahrsam:
https://taz.de/24-Todesfaelle-in-Gewahrsam/!5700481

Beim Staatsschutz des LKAs schickt man sich zu Weihnachten Nazi-Grüße:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/landeskriminalamt-neonazi-verdacht-gegen-berliner-ermittler/22792568.html

Der Staatsschutz beim LKA findet es wichtiger, Hausbesetzer*innen zu observieren als islamistische Attentäter:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-untersuchungsausschuss-war-die-rigaer-strasse-wichtiger-als-amri/22697528.html

Der Staatsschutz gibt „privat“ Daten an Nazis weiter und schickt „privat“ mit „dienstlichen“ Informationen Morddrohungen an Hausbesetzer*innen:

https://www.morgenpost.de/berlin/article217041293/Gruene-befuerchten-rechte-Netzwerke-in-der-Berliner-Polizei.html

In Neukölln rennt seit Jahren ne Nazi-Terrorbande rum, und der VS beobachtet Cops bei Treffen mit den verdächtigen Nazis:
https://taz.de/Rechte-Anschlaege-in-Berlin-Neukoelln/!5564024/

Die im Neuköln-Komplex ermittelnden Staatsanwälte finden die AfD gut und wiegen die Terrornazis in Sicherheit:
https://www.sueddeutsche.de/politik/rechtsextremismus-anschlaege-neukoelln-1.4991356

Polizei-Interna für die AfD:
https://taz.de/Anschlag-auf-Berliner-Weihnachtsmarkt/!5688454/

Staatsschutz-Cop der „Ermittlungsgruppe Rechtsextremismus" (EG Rex)“ verprügelt mit seinen Nazi-Kumpels nach einem Fußballspiel Afghanen:
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2020/08/polizei-berlin-rechtsextremismus-staatsschutz-amtsgericht.html

Und die betroffene Person wird na klar noch vor dem Gerichtsprozess abgeschoben:
https://taz.de/Abschiebung-nach-Afghanistan/!5707119

Bereitschaftspolizei-Schläger vermöbelt Gefangene präventiv aus „Eigensicherung“:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/getreten-und-ins-gesicht-geschlagen-polizist-wegen-gewalttaten-vor-gericht/26106328.html

„Meine MP5 zerfickt alles“ als Initiationsritual:
https://www.bz-berlin.de/berlin/meine-mp5-zerf-fragwuerdiges-aufnahmeritual-bei-der-berliner-polizei

„Du Wichser!“-Mackersprüche sind voll ok, findet der Innensenator:
https://www.bz-berlin.de/berlin/neukoelln-verfolgungsjagd-berlins-innensenator-geisel-stellt-sich-vor-polizisten-habe-kein-problem-mit-du-wichser

Merkwürdige Datenabfragen beim Berliner LKA für „Linksextremismus“ im Kontext von NSU 2.0:
https://www.zeit.de/news/2020-09/18/verdaechtige-datenabfrage-bei-berliner-polizei-zu-boehmermann

Die Nordkreuz-Nazi-Prepper haben Munition vom Berliner LKA bekommen:
https://de.indymedia.org/node/87192

Berliner Polizei verkloppt POCs, die gegen Polizeigewalt gegen POCs protestieren:
https://www.watson.de/deutschland/watson-story/112001144-alexanderplatz-polizei-reagiert-auf-videos-brutaler-festnahmen

https://www.fr.de/politik/polizeigewalt-rassismus-berlin-gegen-schwarzen-rechte-missachtet-geschlagen-13806401.html

Dazu kommen die vielen ungezählten alltäglichen Fälle von Racial Profiling, die ungezählten „Oh, die Person hat sich bei der Personenkontrolle gewehrt, deshalb mussten wir sie leider präventiv in Notwehr zusammenschlagen“ und vielen kleinen Lüge und Märchen vom Türknauf des Todes, der Killer-Plastiktüte, die Brandsatz-Heizbriketts oder das menschenfressende Rasierklingen-Adbusting. Ganz zu schweigen die mindestens 20 dokumentierten Fälle von tödlichen Schüssen, bei denen teilweise nicht mal die Staatsanwaltschaft das behauptete Messer finden konnte.

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