An allem ist Pachinko schuld

veröffentlicht am 21. November 2019

Etwa 200 RassistInnen folgten am 17.11. einem Aufruf der offen faschistischen „Japan First Party“ und hielten im Tokyoter Stadtteil Tachikawa (立川)eine Demonstration ab. Inhaltlich ging es vor allem gegen die koreanische Minderheit in Japan.

An die 150 antifaschistische DemonstrantInnen störten den Aufmarsch.

Wenn es in den westlichen Medien um Japan geht, dann ist Pachinko oft im Fokus der Berichterstattung. Die in Japan bis in kleine Dörfer anzutreffenden Spielhallen werden von etwa einem Viertel der Bevölkerung regelmäßig genutzt. Der landesweite Jahresumsatz der japanische Pachinko-Branche belief sich alleine im Jahr 2017 auf ganze 190 Milliarden Euro. Pachinko wird einerseits als Zeitvertrieb angesehen, andererseits haftet ihm aber auch ein schlechter Ruf an, schließlich gibt es im Land Millionen von Spielsüchtigen.

Was das alles mit einer rassistischen Demo zu tun haben soll? Nun, doch so einiges.

Im Stadtteil Tachikawa im Westen Tokyos demonstrierte am 17.11. die faschistische„Japan First Party“ (JFP) unter dem Motto „Gegen Pachinko!“ (パチンコ反対). Für die durch das Glücksspiel verursachten Probleme wie etwa Spielsucht machte man vor allem die in Japan lebende, mehrere hunderttausend Personen starke koreanische Minderheit, sogenannte Zainichi (在日) verantwortlich. Ein beträchtlicher Teil der BetreiberInnen der japanweit knapp 11.000 Pachinko-Hallen wird nämlich von Zainichi betrieben. Die JFP behauptet, die Hallen werden betrieben, um JapanerInnen in den Freitod, ausgelöst durch finanziellen Verfall durch die Spielsucht, zu treiben. All dies sei Teil eines Planes der nordkoreanischen Regierung Japan zu schwächen. Dies sei eine typisch koreanische Veranlagung der kriminellen KoreanerInnen, so die JFP.

Die Realität schaut abseits des rassistischen Gedöns natürlich anders aus. So ist der Grund, wieso vor allem nach dem Krieg so viele Zainichi in der Pachinko-Branche tätig wurden schlicht Rassismus. So war es den meisten Zainichi verunmöglicht einen normalen Job anzunehmen, also schuf man sich eigene Wirtschaftszweige. Einer davon eben das Glücksspiel. Not, Teufel, Fliegen.

Tachikawa?

Doch wieso wurde die Demo in Tachikawa durchgeführt und nicht etwa im Tokyoter Stadtzentrum? Laut einem lokalen antifaschistischen Aktivisten mit dem ich sprach, gab es im am Westrand Tokyos gelegenen Tachikawa einerseits bis in die 90er hinein ein kleines Korea-Town. Sprich, bis heute leben hier relativ viele Zainichi. Andererseits ist es aber auch die Tatsache, dass es für RechtsextremistInnen in den letzten Jahren immer schwieriger wurde im Stadtzentrum zu demonstrieren. Straßenblockaden und andere direkte Aktionen von AntifaschistInnen sei dank. Hinzu kommt aber auch, dass sich in Tachikawa die Einführung einer lokalen Antidiskriminierungs-Verordnung anbaht, welche die auf JFP-Demos regelmäßig gerufenen Todeswünsche an Minderheiten unter empfindliche Geldstrafen stellen würde. Die JFP will sich ihr Recht auf Morddrohungen nicht nehmen lassen und demonstriert eben extra nochmal.

Die Demo

Die etwa 200 RassistInnen wurden auf ihrem Umzug durch Tachikawa von etwa 150 AntifaschistInnen begleitet. „Begleitet“ deswegen, da es wegen der starken Polizeipräsenz kaum möglich war, etwa auch Straßenblockaden oder ähnliches zu starten. Weiters ist es so, dass Festgenommene in Japan bis zu 23 Tage ohne Angabe von Gründen in Polizeigewahrsam genommen werden können. Bei festgenommenen Demo-TeilnehmerInnen keine Seltenheit. Ein Repressionsinstrument, welches viele AktivistInnen von Aktionen des zivilen Ungehorsams abhält.

Es wurde zwar versucht eine Polizeikette zu durchbrechen um damit bis zur Schlusskundgebung der JFP durchzubrechen, jedoch nicht erfolgreich. Die AntifaschistInnen nahmen letztendlich einen Umweg und konnten die JFP-Schlusskundgebung erfolgreich stören.
Und zu guter Letzt versuchte der JFP-Vorsitzende Makoto Sakurai noch das Megafon einiger GegendemonstrantInnen zu klauen, was zu einer kleinen Rangelei führte. Sakurai war daraufhin völlig ausser sich, brüllte minutenlang herum, beschimpfte Demo-TeilnehmerInnen als „Schwuchteln“ und forderte die Polizei erfolglos auf, wen sie aus den Reihen des Antifas denn alles zu festzunehmen hätte.

Was sowohl in Tachikawa als auch bei anderen japanischen Antifa-Demos auffällt: Die anscheinende Inhaltsleere der Demos. Klar, ein „Nazis haut ab!“ ist eine eindeutige Aussage. Ich vermisse aber Aufrufe und Flugblätter sowie Reden, welche den FaschistInnen inhaltlich etwas entgegenzusetzen haben. So versteht es die JFP mit Videoportalen, Flugblättern, Büchern usw, auf der Medientastatur zu spielen. Seitens japanischer Antifa-Gruppen gibt es nur sehr selten detaillierte politische Analysen und Statements. Nicht in Demo-Aufrufen, sondern auch durch veröffentlichte Texte.

Dies ist jedoch ein Thema für sich selber, über das ich irgendwann auch mal auf diesem Blog schreiben will.

Zum Ende noch ein schöner Video-Zusammenschnitt der Gegenproteste von Rio Akiyama
zu sehen auf: http://zatsudan.at/2019/11/19

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