Antimilitaristische Adbustings in Alt-Tegel: Eine Festnahme

veröffentlicht am 12. Mai 2020

Endlich mal was los in Reinickendorf-Tegel: Plakate und Adbustings machen auf gefälschte Schreiben des Bezirksbürgermeisters, die den Tag der Bundeswehr absagen, aufmerksam. Leider wurde eine Person beim Adbusten auf frischer „Tat“ ertappt. Wir, eine namenlose Bezugsgruppe, fanden die Aktion des „Kommunikationsguerilla-Subversions-Kommando West-Berlin (KSK West-Berlin)“ ziemlich witzig. Solche Aktionen, die den alltäglichen Militarismus subtil aufdecken, sind leider sehr selten. Um die Reichweite zu vergrößern, wollten wir mit einer weiteren Aktion die indy-fernen Bürger*innen Tegels auf das Bekennungsschreiben des KSK West-Berlin aufmerksam machen.

Habt ihr schon von einer der witzigsten Aktionen der letzten Zeit gehört? Den gefälschten Schreiben vom Bürgermeister in Reinickendorf-Tegel? Das „Kommunikationsguerilla-Subversions-Kommando West-Berlin (KSK West-Berlin)“ hatte sich in den letzten Tagen die Stimme von Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) ausgeliehen. Im Stadtteil wurde mit gefälschten Schreiben der eigentlich geplante Tag der Bundeswehr kritisiert. Der angebliche Bürgermeister erklärt, dass die Folgen der Corona-Krise ihn bewogen hätten, die neoliberale Politik und die Kooperation mit der Bundeswehr zu überdenken: „Statt Sachen zu kaufen, die Menschen töten, sollten wir lieber in Dinge investieren, die Menschen helfen.“ Deshalb fordere er, das Geld aus dem Wehretat in einen zivilen Katastrophenschutz zu investieren.

https://emrawi.org/?Gefalschtes-Burgermeister-Schreiben-in-Berlin-Reinickendorf-sagt-Tag-der-841

Das Bezirksamt distanzierte sich und verkündete erneut seine starke Verbundenheit mit den Bundis. Auch darauf hatte die Kommunikationsguerilla die passende Antwort. Am Tag drauf gab es diesmal ein höchst behördlich wirkendes gefälschtes Schreiben. Sehr geil dabei: Dass im Wappen des Bezirks die Ähren gegen Gewehr, Stahlhelm und Handgranate getauscht sind, haben wir auch erst auf den zweiten Blick gesehen. Außerdem gelang dem KSK-Westberlin dabei ein Zug, vor dem wir echte Hochachtung haben: Auf Grundlage der Bezirksbroschüre „Stadt. Land. Fuchs. 100 Jahre Reinickendorf.“ stellten sie die wahre politische Ansicht Frank Balzers in einer Deutlichkeit dar, mit der eigentlich niemandem mehr entgehen kann, wie egoistisch und menschenfeindlich diese militaristische Politik ist. Dafür hat KSK Westberlin die originalen Äußerungen im Schreiben lediglich neu kombiniert und mit Überspitzungen versehen.

https://emrawi.org/?Fake-Flyer-in-Reinickendorf-Auch-das-Burgermeister-Dementi-ist-gefalscht-871

Wir, eine namenlose Bezugsgruppe, fanden das richtig genial und haben uns mega gefreut, dass auch in Reinickendorf mal was passiert. Wir fanden, dass die Aktion mehr Aufmerksamkeit verdient hat. Leider ist in Tegel de.indymedia.org jetzt nicht so mega das Massenmedium. Deshalb glauben wir, dass viele Tegeler*innen die dort vom Kommunikationsguerilla-Subversions-Kommando West-Berlin (KSK West-Berlin) veröffentlichte Aktionserklärung überhaupt nicht wahrgenommen haben.

In einem Interview mit Qiez hat und BM Balzer glücklicherweise verraten, wie man ihn am Besten ärgern kann. Mit dem wilden Plakatieren wie in Mitte käme er ja gar nicht klar und wenn er dann beim Joggen doch mal ein Plakat sieht, kratzt er es mit eigenen Fingern ab. Das auch eine kleine Plakat-Aktion bei uns in Tegel für Wirbel sorgt, war uns also ziemlich klar. Wir haben uns deshalb entschlossen den Link zur Aktionserklärung des KSK-WestBerlin mit einem „Eye-catcher“ in der Tegeler Öffentlichkeit zu plakatieren.

https://www.qiez.de/berliner-persoenlichkeiten-zeigen-ihren-kiez-frank-balzer/

Unsere Aktions-Idee war Folgende: Lebensgroße Kunstwerke aus schwarzer Farbe und Papier zeigen verschiedene Silhouetten. Mittels Sprechblasen wird der Eindruck eines Gesprächs erweckt. Eine fragt: „Hast du auch von den gefälschten Bürgermeisterschreiben gehört?“ Die Antwort lautet: „Oh ja. Voll super, dass der Tag der Bundeswehr abgesagt ist.“ Darunter findet sich ein schwarz umrandeter Warnhinweis: „Militär ist tödlich. Hier und weltweit.“ Und dazu ein bit.ly-Link, der zur Aktionserklärung des KSK-Westberlin auf Indymedia führt. Am Schmuckbogen über dem Kanonenplatz haben wir einige solcher Plakate angebracht. Wo sonst sollten Bürgis mehr über den Einsatz von Waffen reden?!

Und außerdem wollten wir an der U-Bahnstation Alt-Tegel ein paar Wall-Plakate gegen selbstgemachte Poster mit unserer Silhouetten-Idee tauschen. Leider endete das in einer Festnahme.
Während wir die Adbustings angebracht haben, wurden wir leider auf frischer „Tat“ ertappt, sodass wir euch nur noch die leeren Vitrinen präsentieren können.

Ein Zivi beobachtete uns bei seinem allnächtlichen Fahrradausflug, stürmte auf uns zu und brachte einen von uns zu Boden. Auf die Nachfrage von der gefangenen Person, ob sie bitte ihren Kopf ein wenig bewegen könne, damit er nicht mehr ganz so schmerzhaft auf den Boden gedrückt wird, schrie der Polizist: „Halt die Fresse, du dummes Arschloch!“ und fügte hinzu: „Wenn du dich auch nur einen Millimeter bewegst, mach ich dich sowas von alle“.

Nachdem die gefangene Person dann einige Male ihre körperliche Unterlegenheit verbal bestätigt hatte, stellte sich allerdings heraus, dass die Meinungsverschiedenheiten der beiden Parteien gar nicht so groß sind. So sagte der Beamte völlig unaufgefordert: „Ich versteh schon. Militär ist ja auch scheiße. Bloß das, was ihr da gemacht habt, ist halt auch scheiße.“ Immerhin in einem Punkt sind wir uns also einig. Schade bloß, dass Meinungsverschiedenheiten bei der Polizei immer noch mit roher physischer Gewalt entschieden werden. Wer ne Knarre und nen Schlagstock hat und Leute schlagen und schikanieren darf, tut das halt auch, statt respektvollem Austausch auf Augenhöhe und horizontaler Kooperation einen Wert beizumessen.

Was außerdem interessant ist: Der Zivi betonte seinen Kolleg*innen gegenüber immer wieder: „Die sind ganz schlau. Hatten Warnwesten an, während sie an den Vitrinen gearbeitet haben.“ Es hatte den Anschein, dass er beinahe selbst auf diesen Trick reingefallen wäre. Ungefähr zwei Minuten bevor er uns bemerkte fuhr auch ein Streifenwagen vorbei, bei dem der Warnwesten-Trick wohl funktioniert hat. Denn die Polizist*innen in diesem Auto schenkten uns keinerlei Aufmerksamkeit und bis zur Ankunft der Kolleg*innen des Zivis mit Blaulicht und Sirenen dauerte es gute drei Minuten.

Ihr seht, auch wenn wir jetzt Pech hatten, scheint die Sache mit den Warnwesten ihren Zweck zu erfüllen! Wer auch wissen will, wie man mit Sachen aus dem Baumarkt Werbevitrinen öffnet, findet hier Infos:

http://maqui.blogsport.eu/2019/01/03/wie-oeffnet-man-werbevitrinen/

Und generell finden wir es total wichtig sich auf Aktionen anderer Leute zu beziehen und diese weiterzudenken. Viele Leute machen gute spannende Aktionen. Aber meistens gucken wir einfach nur zu und planen andere Dinge. Dabei kommt man durch das Herstellen von Bezügen zwischen Aktionen viel weiter als mit unzusammenhängenden Einzelaktionen. Lasst uns mal in der linken Szene nicht so Vereinzelung üben, sondern auf den Aktionen anderer aufbauen!

PS: Liebes KSK, so geil eure Aktion ist, so sehr habt ihr auch übersehen, dass der Twitter-Account, den ihr in euren Aktionserklärungen zitiert eigentlich von einem Mastodon-Account gefüttert wird und dass dort auch eine rege Diskussion stattfindet. Das ist schade, denn es ist wirklich sehr unterhaltsam, schaut euch das mal an.

norden.social/@cartagena/104053617498445568

An der Stelle nochmal Herzlichen Glückwunsch an euch, dass ihr es geschafft habt das erste gefälschte Flugblatt so echt wirken zu lassen, dass viele Menschen sich ehrlich über die 180° Politikwende im Stadtteil freuen: „Wow! Meinen Respekt! Mehr von solchen Menschen!“ oder „Krass! Aus einem CDUler wird ein Mensch! Für was ein Lockdown doch auch gut sein kann. Bitte mehr solcher positiven Beispiele! Ihnen gebührt mein Respekt Hr. Frank Balzer“. Und sogar: „Das Schreiben ist wirklich gut, logisch stringent und vor allem erfrischend direkt. Fehler zugestehen ist in der Politik schon schwer genug, sie aber so klar einzugestehen verdient definitiv Hochachtung.“

norden.social/@cartagena/104053617498445568

Doch mit der Pressemitteilung des Bezirksamts werden alle Hoffnungen zunichte gemacht: „Anti-Bundeswehr-Flugblatt ist eine Fälschung.“ Mit dem Flugblatt werde die Bundeswehr diskreditiert. „Die wahren Autoren waren zu feige, sich erkennen zu geben.“ Außer der Bundeswehr in den Arsch zu kriechen und nochmal ganz sicher zu stellen, dass dieser Freundschaft kein Abbruch getan ist, ist man sich aber offenbar zu unklar über die eigene politische Linie. Das Bezirksamt ist also selbst zu feige, zu den inhaltlichen Punkten Stellung zu nehmen.

Das Bezirksamt wirft dem KSK-Westberlin bei der Erstellung der Schreiben eine "eher laienhaften technischen Umsetzung" vor. Besonders lustig dabei ist: Es gibt in dem Absatz, der das Verhältnis zur Bundeswehr wieder gerade bügeln will, gleich zwei Schreibfehler. Die "guten Beziehungen zur Bundewehr (sic!)“ werden betont. Außerdem sorgt Balzers Formulierung „Wir sind zudem dankbar für die vielfältige Unterstützung, die die Bunderwehr (sic!) bei zeremoniellen Anlässen wie unseren diversen Kranzniederlegungen leistet.“ für Hohn: „Ich find ja vor allem herrlich, wie BM Balzer die Bundeswehr zum Kranzniederlegungs-Service degradiert. Wo kann ich die Truppe buchen? Hätte da schon Ideen…“

https://www.berlin.de/ba-reinickendorf/aktuelles/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.925940.php

Dass der Tag der Bundeswehr zu gegebener Zeit wie geplant nachgeholt werden soll, sorgte auch für Enttäuschung in den Sozialen Medien: „ärgerlich… bleibt alles wie immer“.

norden.social/@cartagena/104053617498445568

Auch auf der Facebookseite der Morgenpost Reinickendorf gab es unterhaltsame Reaktionen. Die Nutzer dort finden eine Strafanzeige total überzogen: „Da wurde Herr Balzer doch glatt (ge)Steffelt!??“ und „Seh ich auch so – gesteffelt und sonst nix.“

Damit beziehen sie sich darauf, dass die Tegeler CDU-Clique im Bundestagswahlkampf 2017 selbst ein gefälschtes Schreiben verteilte. Sie fälschten einfach die Unterschrift der Kanzlerin Angela Merkel, um in ihrem Namen und mit ihrem Bild für den örtlichen Abgeordneten Frank Steffel zu werben. Nachdem Merkels Pressestelle damals klarstellte, dass das Schreiben nicht von der Kanzlerin sei, wand man sich mit einem „Missverständnis“ heraus.

https://www.bz-berlin.de/berlin/reinickendorf/der-gefaelschte-merkel-brief-und-das-grosse-abwiegeln-danach

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