Brenn, Internet, brenn!

veröffentlicht am 20. März 2021

„In einer Welt, die versucht alle Freuden in Daten zu verwandeln, bleibt uns nur noch die Freude der Zerstörung dieser Welt der Daten.“

Die Corona-Pandemie hat sich als extremer Beschleuniger der Digitalisierung von weiten Teilen unserer Leben gezeigt – eine Tendenz, die mit der (größtenteils) flächendeckenden Verbreitung neuer Technologien wie Smartphones, Server, Internet (der Dinge) und der dazugehörigen Infrastruktur bereits vor Corona gegeben war. Jedoch hat dieser „Boost“ aufgrund von Corona und vor allem der damit verbundenen Maßnahmen seitens der Herrschaft ein bis dato unvorstellbares Ausmaß angenommen und in dem selben Maße, wie Arbeitslose und Kleinverdiener*innen, Illegalisierte, Lohnabhängige, Gastro-Arbeiter*innen, usw. die Angeschissenen dieser Situation sind, verdienen sich Tech-Firmen wie Amazon, Google & Co. dumm und deppert und treiben ihre zerstörerischen Projekte der Technologisierung und damit der völligen Entwertung des Lebens weiter voran.
Die menschliche Wirtschaftsweise (Kapitalismus) und – allgemeiner gesprochen – gar die menschliche Zivilisation als solche sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zerstört wurden und werden und durch die industrielle Produktion von Nahrung, Waren und Daten auch direkt dafür, dass sich beispielsweise Viren ungehindert ausbreiten und vermehren können. Covid-19 ist nun bei weitem nicht die erste Pandemie in den vergangenen – sagen wir 100 Jahren, man denke nur beispielsweise an Ebola, BSE oder die Schweinegrippe. Und doch ist es die erste Pandemie, bei der die „Weltgemeinschaft“ der Herrschenden vor allem auf Technologisierung und Digitalisierung weiter Sphären des menschlichen Lebens setz(t)en und zum ersten mal einen technologisch sowohl angeordneten als auch kontrollierten Stillstand eines Großteils des gesellschaftlichen Lebens realisierten. Und zwar ganz einfach aus dem Grund, dass in den letzten lediglich zehn Jahren dafür die Grundlagen geschaffen worden sind, wie bereits anfangs erwähnt. Dieselbe Pandemie mit all ihren Folgen und (staatlichen) Maßnahmen wäre beispielsweise in dieser Form vor 20 oder 30 Jahren nicht möglich gewesen – und das nicht nur wegen der damals noch nicht ganz so weit fortgeschrittenen Globalisierung und dadurch dem weltweit betrachtet geringeren Austausch sondern eben vor allem durch die Ausbreitung der Technologien.
Unsere eigene Einbindung in unsere Beherrschung durch Staaten, Firmen, Geräte, allgemein: durch Herrschaft – hat sich massiv erhöht. Was früher lediglich unter Zwang und polizeilicher oder militärischer Gewalt durchgesetzt werden konnte (Ausnahmezustand), hat sich heute normalisiert und ist etwas, dass zu einem großen Teil durch technologisch (Internet und Smartphone) vermittelten „Konsens“, bzw. soziale Kontrolle ebenfalls geschafft wird – auch wenn natürlich für die „Unbelehrbaren“ weiterhin Polizei und Militär bereitstehen, keine Frage!
Um nur einige negative Konsequenzen dieser sogenannten Smartifizierung zu nennen: ständiges verfügbar sein für die Ausbeutung (aka Job, Homeoffice), ständig überwacht durch Trackingfunktionen der Geräte, ständig konfrontiert mit der schnell-lebigen „Informations“welt, ständiges Aufpoppen von Kurznachrichten, Verkümmerung der Sprache, Entfremdung von der realen Welt durch Ausbreitung der digitalen Welt in beinahe jeden Winkel des Lebens (Perfektionierung, Selbsttracking beim Sport, Vermessung jedweder körperbezogener Daten, …), Entfremdung von anderen Individuen durch technologisch vermittelte und daher indirekte Kommunikation („social distancing“), Verdummung und Verlust von spezifischen Fähigkeiten, Verlust von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Vergrößerung von Abhängigkeiten, … diese Liste ist lang.

Es wird mehr und mehr schwierig – um nicht zu sagen beinahe unmöglich – all diese negativen Auswirkung der Technologie auf unser Leben zu verweigern. Vor nicht allzu langer Zeit war es noch begrenzt möglich, mit einem nicht smarten oder gar keinem Handy zu leben und trotzdem alle oder zumindest die meisten (sozialen) Bedürfnisse zu stillen; dann war es eine zeitlang zwar schwierig, ohne Smartphone dasselbe zu erreichen, allerdings noch irgendwie machbar; aktuell ist es kaum mehr vorstellbar: sei dies aufgrund des Gefühls „nix mehr mitzukriegen“ oder gar weil es bei mancher Lohnarbeit und auch bei sogenannten „Beziehungen“ ohne gar nicht mehr ginge oder es gar keine „analoge“ Alternative für bestimmte Dinge mehr gibt. Eine erschreckende Entwicklung, die sich innerhalb von kaum mehr als 10 Jahren abgespielt hat, also rasend schnell. Dies ist der Kern der Technologie als solcher: eine technische Neuerung, die einmal angewendet wurde, lässt sich so gut wie nicht mehr rückgängig machen, auch was ihre (sozialen) Konsequenzen betrifft. Oder könntest du dir (ganz ehrlich!) noch ansatzweise vorstellen, ohne permanentes Internet auf deinem Gerät zu leben?
Individuelle Verweigerung allein (welche in geringem Maße zwar noch immer möglich ist) all dieser Dinge bringt uns also nicht weg von dieser Entfremdung, auch wenn diese Verweigerung natürlich richtig und wichtig ist und zumindest temporär für Momente von Befreiung sorgen kann. Dennoch denke ich, dass es für das Projekt der Befreiung (und ein Leben ohne Herrschaft), für das unsere Herzen schlagen, vor allem ein spezifisches Projekt des Angriffs auf die Technologisierung und Smartifizierung unserer Leben und Beziehungen braucht. Und das kann nur – jedoch nicht ausschließlich – mit der Zerstörung dieser immer technologisierteren Welt einhergehen. Dabei müssen wir versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen. Wie hängen unsere Verhaltensweisen direkt und indirekt mit diesen Veränderungen zusammen und vor allem, was heißt das im Hier und Jetzt für unsere Rebellion gegen diese Verhältnisse? Und dazu werden wir neue Analysen und eine Vertiefung unserer Kritik an der Herrschaft brauchen, um unsere Angriffe zu verfeinern.

Wie dem auch sei, Angriff oder nicht, in der Nacht zum 10. März 2021 hat es in Straßbourg in einer Server-Zentrale des Cloud-Anbieters OVH gebrannt. Und zwar nicht in irgendeinem Server, sondern in dem größten Rechenzentrum Europas. Ein komplettes Gebäude mit 5 Etagen und 12 000 (!) Servern ist vollkommen zerstört, viele Daten von Regierungsinfrastruktur, Banken, Privatpersonen, Firmen, … sind unwiederherstellbar vernichtet, 3,6 Millionen Websites offline.
Ebenso getroffen hat es Webseiten, auf denen Corona-Tests und die entsprechenden Datenbanken gehostet waren. Ob es sich bei diesem „Unfall“, wie es in den Medien dazu heißt, tatsächlich um einen Unfall handelt und falls nicht, wer konkret dahintersteckt und das Ding abgefackelt hat, spielt dab
http://revolte.blackblogs.org/ei für mich nur eine untergeordnete Rolle. Fakt ist, dass dieses Feuer einen verheerenden Effekt auf eine zentrale Struktur unserer Einsperrung und Verwaltung durch die digitale Welt verursacht hat. Und Fakt ist auch, dass es auf dem gesamten Territorium verstreut solche und ähnliche Einrichtungen gibt, die ebenso in Flammen aufgehen oder anderweitig ruiniert werden können und sollten. Denn die Herrschaft der Daten ist und bleibt Herrschaft.


http://revolte.blackblogs.org/

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