Chile: Kommuniqué der anarchofeministischen Gruppe „Ni amas, ni esclavas“

veröffentlicht am 8. Dezember 2019

Wir dokumentieren ein Kommuniqué, das am „Internationalen Tag der Gewalt gegen Frauen“ in Chile verteilt wurde.

Bereits einen Monat dauert die soziale Revolte in $hile. Wir wurden bis jetzt Zeug*innen zahlreicher Fälle politischer Gewalt seitens der Polizei und der Streitkräfte. Millionen Menschen mussten unter dieser Gewalt leiden. Menschen, die sich die Straßen genommen haben, um ihre Unzufriedenheit und Ablehnung gegen ein sozioökonomisches Modell zu demonstrieren, das auf Kosten von Tod und Leid derjenigen Generationen errichtet wurde, die die letzten 46 Jahre die Entwicklung dieses Systems mittragen und darunter leiden mussten. Was mit einer direkten Aktion gegen eine Fahrpreiserhöhung begann, getragen von Gymnasiast*innen mit ihren kollektiven Schwarzfahrten, entwickelte sich zu einer Bewegung, die die akkumulierte Wut organisiert und diejenigen angreift, die uns seit Jahrhunderten unterdrücken. Eine ganze Gesellschaft wurde ermutigt, sich gegen ein ungerechtes System zu wehren. Es sind unterschiedliche soziale Kämpfe mit eigenen Forderungen entstanden. Sie haben es geschafft eine gemeinsame Front der Revolte gegen Staat und Kapital zu bilden, in der Empathie und Solidarität im Vordergrund stehen. Weder die brutale Unterdrückung noch die Friedenspakte konnten das Aufbegehren der Leute stoppen. Der Plan zu einer neuen Verfassung, der von einer von der Realität losgelösten politischen Klasse hinter verschlossenen Türen ausgearbeitet wurde, ist eine trügerische Falle. Wieder einmal werden die wahren Protagonist*innen des ersehnten sozialen Wandels ausgeschlossen.

Als Anarchofeministinnen schließen wir uns dem sozialen Kampf an. Wir glauben, dass es äußerst wichtig ist, auf Selbstbestimmung, gegenseitige Unterstützung, direkte Aktionen und territoriale Organisierung zu setzten. Sie können die Säulen der sozialen Transformation sein. Die institutionellen Fallen, die die politische und unternehmerische Klasse durch juristische Abkommen errichtet, müssen kritisiert werden, denn sie begünstigen nur diejenigen an der Macht. Wir sollten unsere Ideen und Vorschläge in die verschiedenen Kämpfe und Gemeinschaften tragen, denn dort können unsere antiautoritären Ideen auf fruchtbaren Boden stoßen.

Wenn wir uns die Geschichte all der Demonstrationen, Proteste oder Aufstände in dieser Region namens $hile anschauen, wird klar, dass immer noch folgende Notwendigkeit besteht: DIE HISTORISCH VERFESTIGTE UNTERDRÜCKUNG EINER POLITISCH-ÖKONOMISCHEN KLASSE, DIE AUF INSTITUTIONELLER, PARTEIPOLITISCHER UND WIRTSCHAFTLICHER MACHT BASIERT UND DIE PREKARISIERUNG DES LEBENS DER ARBEITER*INNENKLASSE ZUR FOLGE HAT, MUSS BEENDET WERDEN. Zugleich sollte festgehalten werden, dass aus historischer Perspektive, der Staat von Anfang an versucht hat jeglichen sozialen Aufstand durch Terror, Unterdrückung und Gewalt auf allen Ebenen, zum schweigen zu bringen, zu untergraben und niederzutrampeln. Der Staatsterrorismus richtete sich, historisch betrachtet, zunächst gegen die indigene Bevölkerung der Region, die nicht in das Bild der aufstrebenden Nation passte. Im Namen der Zivilisation wurde der $hilenische Nationalstaat errichtet, mit all seinen Kontrollinstrumenten. Er sollte nach dem Vorbild Europas aufgebaut werden: weiß, zivilisiert und fortschrittlich.
Das rassistische Massaker des Staates hat seinen Zweck nicht erfüllt, denn der Widerstand der indigenen Völker zeigt sich von Norden bis Süden. Seit jeher mussten sie kämpfen um ihre Ländereien, ihre Kultur und ihr Leben gegen den systematischen Angriff des Staates zu verteidigen. Später hat derselbe Staat, der von einer sicheren und glücklichen Zukunft sprach, seine eigene Bevölkerung massakriert, und zwar vor allem die Leute, die seit $hile $hile ist, unter unwürdigen und prekären Bedingungen leben mussten: missbraucht, marginalisiert und vergessen. Menschen, die, wenn sie ihre Stimme erheben wollten, mit Feuer, Repression, Folter, Entführung und Tod konfrontiert wurden! Dieselben Mechanismen wurden auch in der jüngsten Geschichte Chiles angewandt. Die zivil-militärische Diktatur von Pinochet, die durch Stiefel, Kugeln und Folter, $hile zum ersten neoliberalen Land der Welt gemacht hat, ist einer der schlimmsten Formen des Kapitalismus: barbarisch, autoritär und despotisch. All das gehört auch heutzutage zur Essenz des Staates, der all die politischen Abkommen im Rahmen des Lobbyismus wie auch das Vorgehen einer öffentlichen Politik die Krümel verteilt und mit Täuschungen agiert, nicht unter den Teppich kehren konnte. Heute zeigt der chilenische Staat sein wahres Gesicht, jenes Gesicht, das in 30 Jahren "Demokratie" versucht hat sich reinzuwaschen, obwohl seit jeher Blut durch seine Verfassungen, Armeen, Politiker, Gesetze, Schilder und Fahnen fließt. Gummigeschosse, Tränengas, Pfefferspray und Kugeln zeigen, dass dieses Land immer noch die Hände voller Blut hat, Blut der kämpfenden Leute, die seit dem 18. Oktober 2019 revoltieren. Zurzeit gibt es über 20 Toten, 200 Menschen haben Augenschäden erlitten, andere wurde gefoltert, verhaftet, entführt und vergewaltigt.

Die brutale militärische Gewalt gegen die Mapuche hat auch nach der Diktatur nicht aufgehört. Ziel dieser Gewalt ist es, die Geschichte der indigenen Völker zu zerstören und ihnen eine Geschichte aufzuzwingen, die die koloniale Logik reproduziert. Man kann der Geschichte der Mapuche nur dann gerecht werden, wenn die chilenische Bevölkerung die Anliegen der Mapuche (die „Menschen der Erde“) erst nimmt und versucht ihre Ethik und Kosmologie zu verstehen, die sich durch die Wertschätzung von Land und Natur charakterisiert. Der Kampf der Mapuche trachtet nach Gerechtigkeit und richtet sich gegen einen repressiven und mörderischen Staat, der sie als Terroristen bezeichnet. Innerhalb der Proteste gegen die gegenwärtige soziale Krise der neoliberalen Politik, gibt es Unterstützung für den autonomen Kampf des Mapuche-Volkes. Dies zeigt sich innerhalb der sozialen Organisationen, wie auch im Rahmen der verschiedenen Gruppen der gegenseitigen Hilfe, die sich spontan verbreiteten. Als Anarchofeministinnen identifizieren wird uns mit den antikapitalistischen Idealen der Mapuche.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat der Staat noch mehr Gewalt angekündigt. Verschiedene Gesetzte sollen erlassen werden, um die Unterdrückung und Kriminalisierung der Proteste weiter zu verstärken. Diejenigen, die eine Bedrohung für das bestehende gesellschaftliche Modell sind, sollen eingeschüchtert und ermordet werden.
Auch wenn in der Öffentlichkeit selten darüber gesprochen wird, findet die Diskriminierung und Gewalt gegen die Mapuches seit jeher statt. Sie werden für ihre Forderungen kriminalisiert. Zu diesen gehören: die Befreiung des Mapuche-Territoriums, Autonomie und Rückgabe der Ländereien, die ihnen durch Privatpersonen entrissen wurden, die sie ausbeuten und unterdrücken. Mit Hilfe der Medien verbreitet die Regierung in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild der Kämpfe der Mapuche. Jegliches eingehen auf ihre Forderungen wird als „Sieg der Gewalt“ bezeichnet. Gleichzeitig werden gezielte Lügenkampagnen lanciert, wie im Fall von Camilo Catrillanca, der am 14. November 2018 ermordet wurde - einer von vielen ermordeten Mapuche. Erinnern wir uns auch an den Fall von Francisca Linconao, die 2013 ohne jegliche Beweise im Rahmen des Antiterrorgesetzes inhaftiert wurde. Erst im Jahr 2018 wurde sie wegen fehlender Beweise freigesprochen. Gegenwärtig sind Lügenkampagnen, Repression und Gewalt gegen die indigene Bevölkerung immer noch auf der Tagesordnung. Der einzige Unterschied ist, dass die Mapuche und ihre Sympathisant*innen keine Minderheit mehr sind. Verschiedene Individuen und soziale Bewegungen nehmen sich die Straßen und haben erkannt, dass der Unterdrücker immer derselbe ist: der kapitalistische, patriarchale und koloniale Staat.
Die Revolte und der zivile Ungehorsam der letzten Tage, hat alle Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und Gewalttaten, die $hile ausmachen, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Auch vor der sexuell-politische Gewalt durch Vergewaltigungen, Übergriffe, Entblößungen und Beleidigungen gegen Frauen und sexuelle Dissident*innen wurde nicht geschwiegen. Vielmehr wurde sie als eine Form der Gewalt erkannt, die durch Terror, Demütigung und Lähmung versucht die kämpfenden Leute einzuschüchtern, die den Status quo infrage stellen! Dadurch zeigt sich – genau wie während der Diktatur – dass es eine historisch verfestigte machistische Gewalt aller Staaten gibt. Eine Gewalt, die seit den Anfängen der zivilisierten Welt ausgeübt wird. Ein machiavellisches Bündnis, das alle Personen verfolgt, die sich dem heteronormativen System entziehen und durch ihre vielfältigen Lebensweisen Widerstand leisten. Jetzt, wo der Feminismus an Stärke gewonnen hat, ist es unsere Pflicht, unser Denken weiterzuentwickeln, die Gewalt anzuprangern und sie gemeinsam zu bekämpfen.
Daher wollen wir festhalten, dass unser Kampf sich GEGEN DEN STAAT UND SEINE KONTROLLAPPARATE UND MECHANISMEN RICHTET!
WIR LEHNEN DIE GEWALT DES OLIGARCHISCHEN, LIBERALEN UND PATRIARCHALISCHEN STAATES GEGEN DAS MAPUCHE-VOLK, DIE MARGINALISIERTEN, FRAUEN, HOMOSEXUELLE, SEXUELLE DISSIDENT*INNEN UND DIE VERGESSENEN (MAN DENKE AN DIE UNS GESTOHLENE KINDHEIT DURCH DAS SENAME1) AB.
WIR FORDERN FREIHEIT UND GERECHTIGKEIT FÜR ALLE UNSERE VERHAFTETEN GENOSS*INNEN UND DIE ERMORDETEN.

Wir denken, dass die einzige Möglichkeit, um unser Leben zurückzugewinnen und weiterhin zu kämpfen und Widerstand zu leisten, darin besteht, dass wir uns in territorialen Vollversammlungen organisieren! Wir glauben nicht an Friedenspakte, geschweige denn an ihre Pläne, um eine neue Verfassung im Rahmen des Staates auszuarbeiten. Ein Staat, der seit jeher der Feind der ganzen Bevölkerung gewesen ist!

Der Kampf geht weiter, die Revolte lebt!
Organisiere dich und holen wir uns unser Leben zurück!

Chile, 25. November 2019.

Übersetzt von Eiszeit

In spanischer Sprache: https://hacialavida.noblogs.org/post/2019/11/26/comunicado-del-circulo-anarcofeminista-ni-amas-ni-esclavas-sobre-la-revuelta-en-la-region-chilena/

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