Feminist Action Chronik – Eine Dokumentation militanter feministischer Aktionen in der BRD 2019-2020

veröffentlicht am 8. September 2020

Wir haben uns in den letzte Monaten zusammengesetzt und eine Dokumentation feministischer militanter Aktionen in der BRD in den Jahren 2019 und 2020 erarbeitet.Für Liebhaber*innen gedruckter Veröffentlichungen liegen mancherorts schon Exemplare der Broschüre aus. Damit möglichst viele die Chronik lesen können, stellen wir sie unter feministactionchronik.noblogs.org digital und mehrfarbig zur Verfügung. Dort gibts auch ein PDF.

Leider hatten wir nicht die Kapazitäten die Texte in andere Sprchen zu übersetzen. Ein paar Texte - vor allem der FAZ - gibt es unter den angegebenen Links auch auf Englisch zu lesen. Einige wenige auch auf Italienisch und Französisch.

Solidarische Grüße

VORWORT

Wir sind eine Gruppe, die es wichtig findet, dass feministische Kämpfe – und damit meinen wir nicht vordergründig Kämpfe zu explizit frauen*spezifischen Themen – radikal in unserem Alltag mitgedacht werden und sich aneinander und mit den Erfahrungen vergangener Angriffe weiter entwickeln. Wir begreifen uns als Teil dieser Kämpfe, stecken aber als Aktivist*innen leider oft darin fest, Themen nebeneinander zu bearbeiten und hoffen auf ein langfristiges Ausbrechen aus dieser gedanklichen Logik der Teilbereichskämpfe.

Wenn wir begreifen, dass Gewaltverhältnisse gegenüber Flint* (Frauen-Lesben-Inter-Non-binäry-Trans) Personen in diesem System nicht von anderen Gewaltverhältnissen getrennt werden können, sollten unsere politischen Kämpfe diese Verhältnisse nicht getrennt analysieren. Wir wollen voneinander lernen, wie wir sie zusammen denken und zusammen angreifen können.

Auf der einen Seite haben wir es satt, dass organisierte Gruppen oft keine Notwendigkeit in Angriffen zu feministischen Themen oder entsprechende Zusammenhänge mit ihren Themen sehen, noch legen die wenigsten darauf außerhalb des 8. März/ Marsch für das Leben einen Fokus. Wir fragen uns auch immer wieder, warum ein Großteil feministischer Kämpfe nicht militant geführt oder selber militant verortet wird. In den eigenen Strukturen greifen dagegen patriarchale Mechanismen und Effizienzgedanken, die feministische Positionen und Kämpfe marginalisieren oder auf Flint*Personen abwälzen, die in dieser Atmosphäre stets unter dem Druck stehen, sich mit mackrigem Verhalten gemein zu machen.

Auf der anderen Seite gibt es etliche Kongresse, Graffiti, Demos und Aktionen von Gruppen, die feministische Organisierung propagieren, die begründen, dass der Ausschluss von Cis-Typen (Männer, denen bei ihrer Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde und die sich auch mit diesem Geschlecht identifizieren) in bestimmten Kontexten Sinn ergibt und die hartnäckig versuchen, die Thematik Sexismus und patriarchale Gewalt auf die Tagesordnung zu setzen.

Wir stellen in dieser Broschüre eine Chronik von Aktionen und den jeweiligen Bekenner*innenschreiben feministischer militanter Kämpfe aus dem vergangenen Jahr (Februar 2019 – Mai 2020) vor. Wir haben wenige Texte nicht aufgenommen, wenn diese keinen explizit feministischen Bezug, außer Grüße z.B. an die L34, vermerkt hatten. Weiter wurde sich, aufgrund der Vielzahl, auf das Zusammentragen von Aktionen beschränkt, die in der BRD stattgefunden haben.

Mit dieser Zusammenstellung soll die Sichtbarkeit feministischer Interventionen, Aktionsformen und Themen erhöht werden, da sie häufig kaum wahrgenommen werden und regelmäßig der Inhalt oder Auslöser hinter das Level der Aktion zurück tritt. Erfreulicherweise haben die wiederholten Aktionen der Feministischen Autonomen Zellen „FAZ“ es geschafft, dass Aktionen und Bekenner*innenschreiben aufgegriffen, statt überflogen, wurden. Ob das allein der Namensgebung geschuldet ist, bleibt zu diskutieren.

Es geht uns mit dieser Broschüre auch schlicht um ein Archiv auf einen Blick. Durch eine beeindruckende Fülle, die sich in dieser Chronik ergibt, kann motiviert werden und sie gibt die Möglichkeit, Ideen zu ergänzen und nachzumachen.

Feministisch organisiert zu sein heißt für uns alle etwas anderes, aber vielleicht erreichen wir es, in der nächsten Zeit Bezüge durch unsere Aktionsformen, Organisierung und Themen zueinander herzustellen und zu schärfen, statt herrschende Diskurse und Daten von Reaktionären in den Vordergrund zu stellen. Wir sollten uns genauso wenig daran abarbeiten, spektakuläre Aktionen machen zu müssen, damit auch andere mal hinschauen, noch sollten wir versäumen, inhaltlich zu intervenieren, wo in unseren Gruppen stumpfer Aktionismus gepredigt wird, während inhaltlich und sozial keine parallele Entwicklung stattfindet.

Neben den 4 Themenpunkten – 8. März, Fundis, Liebig34 und FAZ – haben wir noch Berichte im Kapitel „Diverses“ gesammelt. Dort finden sich Texte zu den Bereichen Fantifa, Knast, Gentrifizierung, Umwelt etc. Zum Abschluss haben wir einen kurzen historischen Bezug mit einem Interview der Roten Zora platziert. In ihren Analysen kommen ähnliche Gedanken zu Problemen auf, vor denen wir, vor allem als Flint*, heute wie damals stehen: Wie können wir leicht nachahmbare militante Praxis vermitteln?

Warum liegt es bei Frauen*, frauen-spezifische Themen zu bearbeiten, während vermeintlich „allgemeine“ Themen bei den Typen liegen? Warum haben Frauen* das Problem, in einer gemischten Gruppe die Identität als Frau zurück stellen zu müssen, wenn es darum geht, eine Aktion durchzuziehen? Wie funktioniert die Anknüpfung an eine breitere Frauen*bewegung, die selber nicht thematisiert, dass Gewalt ein notwendiges Mittel sein kann? Wie können wir frauen*-spezifische Themen, verknüpft mit anderen Unterdrückungsmechanismen, angreifen?
Wir hoffen auf Nachamer*innen, die eine Chronik z.B. für Österreich oder die Schweiz zusammen stellen würden. Es wäre auch ein spannendes Projekt, inhaltliche Dabatten zu sammeln zu den Themen: Umgang mit sexuellen Übergriffen in der eigenen Szene (1), internationale Bezüge (2) oder grundlegende feministische Analysen.

Wir stellen in dieser Broschüre eine Chronik von Aktionen und den jeweiligen Bekenner*innenschreiben feministischer militanter Kämpfe aus dem vergangenen Jahr (Februar 2019 – Mai 2020) vor. Wir haben wenige Texte nicht aufgenommen, wenn diese keinen explizit feministischen Bezug, außer Grüße z.B. an die L34, vermerkt hatten. Weiter wurde sich, aufgrund der Vielzahl, auf das Zusammentragen von Aktionen beschränkt, die in der BRD stattgefunden haben.

Cause the night belongs to us!

(1) Aktuell aus Frankfurt mit dem Aufruf Stellung zu beziehen: „Paper zur Aufarbeitung und Verantwortungsübernahme sexualisierter Gewalt“: https://de.indymedia.org/node/82717

(2) Reflexionen zum Besuch bei einer autonomen Frauenorganisation in Rojava: „For who(m) the Revolution?“: http://ak36.blogsport.de/2019/01/01/for-whom-the-revolution/

INHALT

8. MÄRZ
Jährlich finden zum 8. März variantenreiche Aktionen statt, die hier für 2019 und 2020 abgebildet sind. Der Tag gibt immer wieder Anlass, sich auf feministische Kämpfe zu konzentrieren, zu verschiedenen Demos und Aktionen zu mobilisieren, auf miserable Zustände hinzuweisen und der Wut über diese freien Lauf zu lassen.

FUNDIS
Rund um den regelmäßig in Berlin stattfindenden „Marsch für das Leben“ finden in der BRD viele Aktionen statt, die sich gegen die Abtreibungsgegner*innen und ihr rechtes Klientel richten. Aber auch jenseits dieses Datums organisieren sich Gefährt*innen, um den Akteur*innen, Kirchen, rechten Parteien und beratenden Stellen, die ihre fundamentalistische und patriarchale Weltsicht verbreiten, dieses Handeln zu erschweren.

LIEBIG34
Seit dem 01.01.2019 ist das anarcha-queerfeministische Hausprojekt in Friedrichshain besetzt. Der Eigentümer Padovicz, auch Besitzer diverser anderer Häuser und Hausprojekte in Berlin, steht symbolisch und persönlich für die Logik des Immobilien-Markts. Der Berliner Senat und die Bullen versuchen, die Räumungsandrohung mit einer Kombination aus Totschweigen und der regelmäßigen Besetzung des Dorfplatzes vor der L34 zu begleiten. Die Bewohner*innen sind rebellisch und der Prozess wird durch eine offensive Kampagne begleitet.

FAZ
Die Feministischen Autonomen Zellen (FAZ) sind hier gesondert aufgeführt, da es eine der ersten Gruppen seit Jahren ist, die sich einen (festen) Namen gibt. Dieser Schritt hat umgehend zu einer Debatte geführt. Da die Texte sich deutlich von anderen anonymeren Schreiben unterscheiden, beispielsweise Reflexionsprozesse verschriftlicht wurden, sind Texte, die mit FAZ unterschrieben wurden, hier vollständig zu lesen.

ROTE ZORA – HISTORISCHER BEZUG
Die Beweggründe, aus denen heraus sich 1983 die Frauenorganisation Rote Zora von den Revolutionären Zellen (RZ) abtrennte, sind so aktuell wie konsequent. Die Zoras wollten eine autonome Organisierung ohne Typen, um sich nicht weiter an männlichen Normen zu orientieren. Sie waren klandestin und militant organisiert, um im „Herzen der Bestie“ die Angreifbarkeit der Herrschenden lebendig zu halten. Eines ihrer Mottos lautete: „Die Schweine haben Namen, Frauen sucht euch die Adressen!“ Ihre Brand- und Bombenanschläge trafen z.B. die Bundesärztekammer, Sexshops und bundesweite Filialen des Kleiderherstellers Adler. Ihre Schreiben und Aktionen, Ziele und späteren Reflexionen sehen wir als aktuelle und lehrreiche Bezugspunkte für jede radikale Gruppe.

DIVERSES
Hier findet ihr Texte, die die Verbindung aufgemacht haben zwischen Antifaschismus und Feminismus, Gentrifizierung, Rojava und einigen weiteren Themen, die teilweise zusätzlich Bezug auf obige Kategorien nehmen, z.B. Fantifa und Knast.

VERWEISE/ TIPPS

von: feministactionchronik.noblogs.org

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