In Erinnerung an die Revolutionär*innen Sarah Handelmann und Jakob Riemer

veröffentlicht am 10. September 2019

Freund*innen sind für uns die Seele eines sinnhaften und bedeutungsvollen Lebens. Unsere Verbundenheit mit ihnen wächst, je mehr wir unsere Gedanken, Ideen und Sehnsüchte miteinander teilen. Wir werden die vielen Freund*innen, denen wir auf dem Weg zur Freiheit begegnen, nie vergessen. Wir verbinden, ergänzen und verschmelzen unsere jeweilige Geschichte miteinander. Eine Freundin meinte: »Wenn du den Garten der Freund*innen kennst, der auf ihren Spuren wächst, dann kennst du auch ihre Persönlichkeit. Du erkennst darin die Mühen und die Sorgfalt, mit der wir unserem Umfeld begegnen. Ein blühender Garten will gehegt und gepflegt werden, er zeigt die Wertschätzung für die kleinen Dinge des Lebens, die du auf den Weg mitbekommen hast und wie du sie weiterträgst.«

Jede*r Revolutionär*in, der/die sich den Reihen des Freiheitskampfes anschließt, trägt eine große Verantwortung – nicht nur für sich oder die engsten Verwandten und Bekannten, sondern für eine ganze Generation, für die Völker dieser Erde, für die ganze Menschlichkeit, das Universum, für ein Leben in Freiheit, für eine lebenswerte Zukunft. Sein/ihr ganzes Leben für diesen Kampf zu geben und so die Freiheit bis über den Tod hinaus zu verteidigen, zeugt von großer Aufopferungsbereitschaft und ideologischer Überzeugung. Dies verbindet uns im Kampf um Freiheit miteinander. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten und eben auch mit dem Tod. Die Menschheit musste bisher so viel Schmerz und Leid erleben: Doch dies soll nicht unser Schicksal bleiben, es gibt eine andere Welt – eine Welt in Freiheit, Liebe und Frieden. Dafür lohnt es sich zu kämpfen!

Mit diesem Wissen schafft der Weg dorthin starke Verbindungen. Er bringt Menschen zusammen, die sich vorher nicht kannten, schließt Freundschaften über alle Bevölkerungsgruppen hinweg, zeigt einen Weg ohne Grenzen. Es ist der von Abdullah Öcalan beschriebene dritte Weg, der demokratische Weg der Menschheit. Eine Welt ohne Macht, Patriarchat, Versklavung, Ausbeutung und Unterdrückung.

Für diese Werte stehen die Freiheitskämpfer*innen. Auch nach ihrem Tod. Sie waren bereit, diesen Weg mit all seinen Konsequenzen zu gehen – »Der Kampf der Bedingungslosigkeit«, wie ihn Sara in ihrem Gedicht bei einem Gedenken an Şehîd Zilan beschreibt. Viele von uns sind nicht mehr dazu bereit, das eigene Leben für ein würdevolles Leben in Freiheit einzusetzen, wir haben uns mit Bequemlichkeit, Unehrlichkeit und Ausreden im Liberalismus eingerichtet – für uns selbst eine Lage geschaffen, in der wir uns einigeln und zurücklehnen können.
Ihre Ideen, Wünsche und Überzeugungen sind uns Orientierung

Ist es das Haben oder das Sein, was uns ein würdevolles Leben ermöglicht? Zu diesen philosophischen Fragen begleiten uns unsere Şehîds, wenn wir uns ihrer erinnern, ihre Geschichten, Ideen, Wünsche im Andenken an sie weiter leben lassen und ihrem Weg folgen. In der kurdischen Freiheitsbewegung wird den Gefallenen, die vor oder mit uns diesen Weg gegangen sind, ein sehr großer Wert beigemessen, sie sind die Freund*innen, deren Ideen, Wünsche und Überzeugungen uns Orientierung sind, die uns den Weg zeigen, damit wir ihre Mühen fortsetzen und zum Erfolg verhelfen.

Nicht ohne Grund steht gegenüber dem Gefallenenfriedhof in Kobanê, auf dem tausende Kämpfer*innen gewürdigt werden, die die Werte der Freiheit gegen den Tod durch Daesch (Islamischer Staat) und gegen den Faschismus verteidigten und Kobanê so zum Symbol eines neuen Lebens gemacht haben, der Satz: „Jeder Şehîd ist eine Philosophie des Lebens.«
Die Einzelnen verbinden sich zu einer Brücke

Noch größer und wirkungsvoller wird diese Philosophie, wenn sie sich mit anderen Lebensphilosophien verbindet und zu einem Strom wird – dem Strom des Widerstandes aus dem Chaos der kapitalistischen Moderne. »Jeder Sturm beginnt mit einem einzelnen Tropfen. Versucht, dieser Tropfen zu sein«, sagte uns Şehîd Tekoşer Piling (Lorenzo Orsetti) in seinem Brief, bevor er mit seiner Einheit Tekoşîna Anarşist an die vorderste Front gegen den sogenannten Islamischen Staat nach Deir Ez-Zor ging.

Die ersten Steine einer Brücke zwischen dem kurdischen Freiheitskampf und der weltweiten Freiheitsbewegung legte die Internationalistin Andrea Wolf (Şehîd Ronahî) bereits Ende der 1990er Jahre, ihr folgten Uta Schneiderbanger (Şehîd Nûdem), Ivana Hoffmann (Şehîd Avaşîn Tekoşîn Güneş), Kevin Jochim (Şehîd Dilsoz Bihar), Ellen Jaedicke (Şehîd Stêrk), Alina Sánchez (Şehîd Legerîn Çiya), Anna Campbell (Şehîd Hêlîn Qaraçox), Lorenzo Orsetti (Şehîd Tekoşer Piling) und viele mehr.

Heute sind es Şehîd Şiyar Gabar (Jakob Riemer) und Şehîd Sara Dorşîn (Sarah Handelmann), deren Lebensphilosophien wir uns erinnern wollen, um ihrer Wahrheit ein Stück näherzukommen.

Die Zapatistas haben eine Geschichte über die Bedeutung von den im Kampf um Freiheit Gefallenen und deren einzelnen Wahrheiten. In dieser Geschichte machten sich von der Insel, auf der sie gefangen waren, nacheinander Schmetterlinge auf den Weg, die Freiheit zu suchen. Es muss ein Leben in Freiheit geben, davon waren sie überzeugt. Zunächst fasste sich nur einer von ihnen ein Herz und flog los, über das weite Meer, bis ihn seine Kräfte verließen und er nicht mehr weiter konnte. Umgeben von Wasser gab es nirgendwo einen Ort, an dem er sich ausruhen konnte, und so fiel er ins Meer und ertrank. Weil er nie zurückkam, muss er wohl erfolgreich gewesen sein, so dachte sich der nächste Schmetterling, fasste sich ebenfalls ein Herz und flog los. Als auch ihm die Kräfte ausgingen, konnte er sich auf dem ersten, bereits ins Wasser gefallenen Schmetterling ausruhen und schaffte es so, noch ein Stück weiterzufliegen. Auf diese Weise verlängerte sich der Weg, den die Schmetterlinge zurücklegen konnten.

Dieser Weg zur Freiheit existiert durch die vorangegangenen Mühen der gefallenen Schmetterlinge, die Betrachtung des Einzelnen allein führt nicht zur Erkenntnis. Zwei dieser wegbereitenden Schmetterlinge sind Sarah Handelmann und Jakob Riemer, deren Philosophie und Geschichte wir kennenlernen wollen.

Sarah Handelmann / Sara Dorşîn

Sarah Handelmann kam am 25. November 1985 in der DDR zur Welt. Bereits zu ihrer Geburt bekam sie von ihren Eltern zwei Namen mit auf ihren Weg: Almuth, ein altdeutscher Name mit der Bedeutung »frohe Gesinnung«. Dies entspricht der rumänisch-deutschen Tradition, Frauennamen nicht auf A enden zu lassen. Sowie Sarah, die Fürstin, im Gedenken an die jüdische Schriftstellerin Sarah Kirsch, um ihr auch einen Teil der jüdischen Familiengeschichte mitzugeben. Später wählte sie für sich den Guerilla-Namen Sara Dorşîn.

Die Wahl für Sara ist angelehnt an Sakine Cansız (Heval Sara), die einmal sagte: »Wir haben der Welt gezeigt, dass es kein Wort wie ›unmöglich‹ in unserem Wörterbuch gibt.« Sie wurde am 9. Januar 2013 zusammen mit Fidan Doğan und Leyla Saylemez in Paris vom türkischen Geheimdienst MIT ermordet. Sara las ihre Biografie »Mein ganzes Leben war ein Kampf« mit großer Begeisterung und drehte ein kleines Mobilisierungsvideo als Aufruf zur Demonstration in Berlin zum Gedenken an die gefallenen Freundinnen aus Paris. [Zu sehen unter: https://vimeo.com/196859151]

Saras zweiter Name Dorşîn (etwa »aufblühende grüne Umgebung«) geht auf den Namen eines Berges bei Amed zurück. Dies drückt sehr viel über Saras Verbundenheit zur Natur aus und knüpft eine Verbindung zu ihrer Reise nach Bakûr im Jahr 2016. Dort hat sie gemeinsam mit zwei Freundinnen in Amed (Diyarbakır) kurz nach der Aufhebung der Ausgangssperre und dem brutalen Städtekrieg den Film »xwebûn« (sich selbst sein) über die kurdische Frauenbewegung gedreht. Die Frauen vermitteln darin ihren Widerstand, den sie generationenübergreifend kollektiv getragen haben und der nicht mehr gebrochen werden kann. Es ist ein Film voller Hoffnung und mit der Botschaft, dass auch wir eine starke Frauenorganisierung entwickeln sollten, wenn wir den weltweiten demokratischen Konföderalismus mit der Kraft der Frauen aufbauen wollen. Sara spürte nach dieser Reise ihre Verantwortung dafür, alles Gesehene und Gehörte weiterzutragen. Diesen Weg verfolgte sie mit der gleichen konsequenten, bedingungslosen Haltung, mit der sie auch dem Leben Bedeutung gab.

Sarah Handelmann wuchs in einer naturnahen Umgebung mit großem Garten und eigenen Tieren auf. Bereits als Kind war sie fasziniert von den Native Americans. Ihr Kindheitstraum war es, einmal selbst »Indianerin« zu werden. So ging sie damals mit selbst gebasteltem Pfeil und Bogen zur Schule; wenn sie ihre Klassenarbeiten fertig hatte, kletterte sie ungefragt aus dem Fenster. Ihr erstes selbst gelesenes Buch war Ronja Räubertochter. Mit 31 Jahren wurde sie Teil der kurdischen Frauen-Guerilla der YJA-Star in den Medya-Verteidigungsgebieten in Südkurdistan.
Sie kam mit großer Klarheit aus der Stille heraus ...

Wir lernten Sara durch eine Infoveranstaltung über den Städtekrieg in Bakûr 2016 kennen. Sie war eine sehr aufmerksame und gleichzeitig sehr stille Persönlichkeit, die sich sehr viele Fragen über Gerechtigkeit und gesellschaftliche Veränderung stellte. Sie war immer auf der Suche nach größeren Herausforderungen. Sie wollte Verantwortung tragen und sich mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten einbringen.

Sara zeichneten vor allem zwei Charakterzüge aus: Klarheit im Handeln sowie eine stille, bescheidene Persönlichkeit. Wenn sie von etwas überzeugt war, war sie unbeirrbar und wusste, was zu tun ist. Zunächst fühlte sie in sich hinein, bei Unklarheiten und Widersprüchen fragte sie nach, ging den Dingen auf den Grund, überlegte weiter, bis sie sie zu verstehen vermochte. Sie kam mit großer Klarheit aus der Stille heraus und verfolgte ihre Projekte mit Gewissheit bis zu Ende. Keine Hürde war ihr zu groß, kein Stein zu viel. Kein Weg schien ihr unbegehbar. So hatte sie ihre Kindheitsträume nie aus den Augen verloren und bis zuletzt verteidigt.

Eine Freundin schreibt über sie, dass die größte Lektion, die wir von Sara lernen können, ist, die begonnene Arbeit zu beenden. Nie hätte sie etwas als Ausrede akzeptiert, etwas nicht zu vollenden oder ihre Ideen aufzugeben. Sie wusste, dass es immer einen Weg gibt, Ziele zu verwirklichen.

Sara erzählte einer Freundin von ihrem Traum, in die Berge Kurdistans zu gehen. Gleichzeitig meinte sie über sich selbst, sie könne keine Revolutionärin werden, da sie ja nicht mal zwei Wörter aneinanderreihen könne, ohne so viel nachzudenken. Doch sie stellte sich diesen Schwierigkeiten und später fanden wir sie in den Bergen Kurdistans wieder. Der erste Anblick in ihrer neuen Guerilla-Kleidung, die Kalaschnikow über ihrer Schulter, den Munitionsgürtel um ihre Hüfte und ihr strahlendes Gesicht, verkörperten genau diese freie Frau, auf deren Suche sie sich begeben hatte.
Habe Respekt vor der Umwelt ...

Sie wurde sie selbst. Am beeindruckendsten waren ihre klaren Augen, ihr hervorragendes Kurdisch und die Stärke, die sie ausstrahlte und die sie bis in die Berge gebracht hatte. Sie wurde eins mit den Freundinnen, dem Leben in den Bergen, der Natur und den Ideen der Frauenbefreiungsideologie.

Sie hatte ein großes Einfühlungsvermögen und handelte nach den Werten, die ihr in der Kindheit vermittelt worden waren: Habe Respekt vor der Umwelt, behandle jeden Menschen so, wie du gerne behandelt werden würdest, denke dich in sie hinein und achte darauf, dass das Licht gut fällt, damit möglichst wenig Schatten erzeugt wird ...

All dies half Sara beim Leben in den Bergen. Indem sie es schaffte, allem eine Bedeutung zu geben, verkleinerte sie die Probleme, die sich ihr in den Bergen Kurdistans stellten. Sie ging große Schritte, übernahm viel Verantwortung und war gleichzeitig immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Eine Weile war sie auf dem Berggipfel, um mit einer kleinen Fraueneinheit für die Sicherheit der anderen Freund*innen im Tal zu sorgen, indem sie vor Überwachungsdrohnen und Kriegsflugzeugen warnten. Diese Aufgabe, die wenig Schlaf bedeutete, hohe Konzentration und gute Kurdischkenntnisse verlangte, erledigte sie mit großer Genauigkeit. Ohne tiefgründige und feinfühlige Genossenschaftlichkeit mit den Freundinnen kannst du den Winter dort nicht verbringen. Alles muss vorher besorgt und gut vorbereitet werden, denn du kannst dich während des Winters nicht viel bewegen.

Sara sorgte auch immer wieder für Überraschungen. In einem Brief vom Herbst 2018 sagt sie, dass sie über einige Freundinnen herausgefunden habe, wohin sie einen Brief schicken könne, um das gegenseitige Versprechen, uns über Neuigkeiten zu informieren, zu erfüllen. In dem Brief berichtet sie zunächst von der schönen Natur, den Walnussbäumen, Feigen, Brombeeren, Weintrauben, Granatäpfeln, Mandeln und dem kalten Wasser, von denen sie gerade umgeben war. Erst dann berichtet sie darüber, wie es ihr geht und was in der Zwischenzeit passiert ist.

Im Frühjahr 2018 kam Sara in eine Akademie, wo sie längere ideologische und militärische Bildung genießen konnte und selbst Bildung über Feminismus an die Freundinnen weitergab. »Mehr oder weniger erfolgreich«, wie sie selbst schreibt. Danach hoffte sie auf neue Herausforderungen, ihr gelerntes Wissen in die Praxis umzusetzen. Doch aufgrund der politischen Lage und der vielen Drohnen, die die Bewegungsfreiheit der Guerilla stark einschränken, verbrachte sie den Winter 2018/2019 in einer Höhle. Gesichert war ihre ideologische Vertiefung mit dem Buch »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt«, das sie auf Deutsch erreichte.

Immer darauf bedacht, den anderen Mut und Kraft zu geben, wünschte Sara in ihrem Brief viel Erfolg bei den Arbeiten, von denen sie hoffte, dass sie gut liefen. Sie fragte nach Neuigkeiten, was es für Entwicklungen gäbe und wie es allen ginge. Darauf hätten wir ihr gerne mitgeteilt, dass der Hungerstreik von Leyla Güven und den 7000 Freund*innen, die sich mit ihr im Hungerstreik befanden, nach 200 Tagen beendet wurde, weil durch ihre Aktion große Schritte in Richtung einer demokratischen Lösung geschaffen und die achtjährige Isolation auf Imralı durchbrochen werden konnte. Das wäre eine Nachricht, die sie brennend interessiert hätte und sie zu vielen weiteren Schritten getragen hätte.

Leider konnten wir ihr das persönlich nicht mehr mitteilen – sie ist am 7. April 2019 in Garê mit zwei weiteren Freundinnen der YJA-Star bei einem Luftangriff durch das türkische Militär gefallen.

Jakob Riemer / Şiyar Gabar

Jakob Riemer wurde am 10. Oktober 1994 in Hamburg-St.Pauli geboren. Seine Eltern legten Wert darauf, dass er bereits in jungen Jahren die Vielfalt des Lebens kennenlernen sollte und früh eine kreative und aufgeschlossene Ader entwickelt hatte. Ihn faszinierten Sagen wie »Herr der Ringe« und die griechische Mythologie. Leidenschaftlich spielte er Gitarre, gründete selbst eine Punkband. Er liebte Fußball und wuchs auch durch den FC St.Pauli in das politische Leben hinein. Seine Leidenschaft zum Gebirge entwickelte er sehr früh. Bereits als Jugendlicher bestieg er die hohen Berge der Schweiz und in Nepal. Revolutionär*innen wie Che Guevara waren für Jakob Vorbilder, die sein Bedürfnis nach einer Veränderung der Welt verkörperten. Freund*innen beschreiben ihn als sehr treu, freundlich, offen und unvoreingenommen. Menschen, die seine Freund*innen wurden, blieben es auch. Er entwickelte seine eigenen Regeln und hielt sich an sie. Mit seiner hilfsbereiten und aufgeschlossenen Art, die keine Ungerechtigkeit ertragen konnte, baute er viele Menschen auf, wollte niemanden unnötig unglücklich sehen und suchte stets nach Auswegen, Lösungen und Alternativen. Er war furchtlos und versuchte, dies auch anderen zu vermitteln. Mit seinem Humor brachte er sehr viele Freund*innen zum Lachen und seine Geschichten blieben in vielen Erinnerungen und Lachfalten hängen und werden bis heute gerne weitererzählt. Jakob zeichnete ein starker Wille aus; er ließ sich von Dingen, die ihn überzeugten, schnell begeistern, um dann nicht mehr lockerzulassen. Erst ein halbes Jahr, bevor er sich der Bewegung anschloss und 2014 in die Berge Kurdistans ging, erfuhr er vom kurdischen Freiheitskampf.

»In der PKK habe ich Demokratie und Freiheit gesehen«
Als Erstes kam er nach Qendîl, wo er zunächst in der Region Harûn und später auf dem Gipfel Şehîd Munzûr war. Er suchte sich gerne große Herausforderungen, die er beispielhaft meisterte. Ein Freund erzählt, wie Heval Şiyar bei seinen Freund*innen für seinen Fleiß und seine Mühe bekannt war. Er selbst sagte: »In der PKK habe ich Demokratie und Freiheit gesehen und ihre Bedeutung kennen gelernt. Damit wir damit erfolgreich sind, habe ich mich der PKK angeschlossen.« Er wollte dem ihm entgegengebrachten Vertrauen gerecht werden und somit auch seinen Teil zur Revolution beitragen.

Sein Name Şiyar bedeutet »aufgeweckt«, was in seiner ersten Zeit manchmal zur Erheiterung führte, da er einige Male eher verschlafen und etwas »verpeilt« wirkte. Aber er entwickelte schnell großen Elan und Eifer, um ein Guerilla zu werden. Er diskutierte mit seinen Freund*innen über die Frage: »Wie Leben?«, daraus entwickelte er eine starke Hevaltî (Genossenschaftlichkeit) zu seinen Freundinnen und Freunden, die ihn als sehr warm, offen und herzlich beschreiben.

Bis 2015 war er in Qendîl. Zu Beginn der Militäroffensive des türkischen Militärs am 24. Juli kam Heval Şiyar Gabar nach Bakûr ins Zagros-Gebirge, nach Çarçella, eine der schönsten Regionen in den hohen Bergen Kurdistans. Dort fühlte er sich glücklich und verbunden mit der Natur; wie er selbst sagte, konnte er dort seine Suche nach Freiheit mit dem praktischen einfachen Leben verbinden. Er wurde dort nach kurzer Zeit Zugkommandant, bildete sich an schweren Waffen aus. Er wollte sich immer weiter entwickeln und hatte nie das Gefühl, es sei genug. Als Kommandant hatte er seine Verantwortung so sehr angenommen, dass er seine Gruppe nicht nur in allem anleitete, sondern sich den schwierigen Aufgaben immer erst selbst stellte, bevor er sie anderen auftrug.
Tapfer, furchtlos, hingebungsvoll und warmherzig

Ein Freund beschreibt ihn mit den Eigenschaften: tapfer, furchtlos, hingebungsvoll und warmherzig. Bevor er an sich selbst dachte, kümmerte er sich um seine Freund*innen. Er bereitete ihnen einen Platz, gab ihnen Decken und zündete den Ofen an.

2016 wurde die Stellung der Freund*innen von türkischen Kriegsflugzeugen bombardiert. Şiyar wurde damals verletzt. Die Druckwelle, die beim Einschlag der Bombe entstand, hat ihn für zwei Monate so gut wie taub gemacht. Doch den Rat der Freund*innen, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen, um sich behandeln zu lassen, lehnte er ab, weil er bei ihnen bleiben wollte.

Der Freund Canfeda fiel bei diesem Angriff direkt neben ihm, was Heval Şiyar noch mehr mit dem Kampf verband. Er verkörperte die Bewegung von Kopf bis Fuß und war ganz und gar Militanter geworden. Heval Şiyar bat damals um die Waffe des Freundes Canfeda – da dieser unter seiner Verantwortung gefallen ist, wollte er dessen Waffe im Krieg nutzen und damit auch seinen Tod rächen. Dieses Versprechen gab er sich selbst.

Er blieb keine Minute ruhig sitzen, ohne Pläne zu schmieden
Im Frühling 2018 ging die Gruppe von Heval Şiyar in das Gebiet Herke bei Çarçella, wo er am 9. Juli 2018 bei einem Luftangriff des türkischen Militärs zusammen mit fünf weiteren Freund*innen ums Leben kam. Heval Şiyar war für viele ein Vorbild. Seine Haltung, seine Freundschaft, seine Überzeugung für die Kämpfe, sowie die Art und Weise seiner Beteiligung an der Praxis, all das hat viele andere inspiriert, und sie versuchen ihr Leben nach seinem Vorbild zu gestalten. Ein Freund erzählt in seinen Erinnerungen, dass es bei der Guerilla viele mutige Freund*innen gibt, doch Heval Şiyar war außergewöhnlich. »Er war enorm initiativ. Er blieb keine Stunde, keine Minute ruhig sitzen, ohne Pläne zu schmieden.« So war er in Herke auch an der Planung und Durchführung einer Aktion beteiligt, bei der 28 türkische Soldaten getötet wurden. Zwei Jahre nach Canfedas Tod rächte er den Tod seines Freundes, der an seiner Seite gefallen war, erfolgreich mit dessen Waffe.

Der Wert der Freundschaft ist in der PKK unbeschreiblich und unsterblich. Um es zu verstehen, musst du sie selbst erleben. Wenn wir diese Werte in der Gesellschaft neu erschaffen wollen, müssen wir sie zuallererst in uns selbst erschaffen. Das bedeutet es, Revolutionär*in der heutigen Zeit zu sein.

Şehîd namirin
Revolutionär*innen aus früheren Zeiten werden Prophet*innen oder Held*innen genannt. Jede*r Revolutionär*in hat die Seele eines Engels, sie ist an sich eine eigene Philosophie des Lebens. Als Revolutionär*innen müssen wir erkennen, dass wir Teil eines Kontinuums sind, eine eigene Geschichte in der Geschichte. Der Widerstand hat weder mit unserer Geburt begonnen, noch wird er mit unserem physischen Tod enden. Dieser Lebensphilosophie folgen wir, wenn wir die Mühen und Kämpfe unserer Freund*innen, Genoss*innen, Schwestern, Brüder, Eltern als Kinder der heutigen Zeit weiterführen. Wir sind die Nachfahren der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten. Somit haben wir eine große Verpflichtung, diese wertvolle Philosophie des Lebens weiterzutragen, sie in all unseren Taten, unserem Handeln und unserer Haltung zu vertreten und ihren Geist in unseren Kämpfen sichtbar werden zu lassen. Unsere im revolutionären Kampf gefallenen Freundinnen und Freunde sind Teil dieses Kontinuums, aus deren Leben, Liebe und Mühen wir eine besondere Kraft schöpfen, die uns mit ihnen auf Ewigkeit verbindet. Wenn eine*r von uns geht, geht auch ein Teil von uns mit ihnen, und das wollen wir nicht unbeantwortet lassen.

Mit diesen Worten geben wir auch unseren Freund*innen Sarah Handelmann und Jakob Riemer unser Versprechen:

Şehîd namirin, kein Vergeben, kein Vergessen!

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