KI - Nein Danke?

veröffentlicht am 25. September 2019

Im Juni diesen Jahres hat eine Gruppe Namens „aidoesnotexist.com“ hier bei indymedia ein Pamphlet gegen die Künstliche Intelligenz veröffentlicht. Unter dem Titel „Aufruf zur einer bunten und globalen Collage gegen die Künstliche Intelligenz“ geht es offensichtlich darum, das Augenmerk stärker auf diese Entwicklung zu lenken und eine Kampagne anzustoßen.

Die Veröffentlichung hat bisher auffallend wenig Aufmerksamkeit bekommen und kaum Reaktionen hervorgerufen, weder hier bei indymedia noch anderswo. Das ist schon bemerkenswert, gehört die Entwicklung „Künstlicher Intelligenz“ doch mit zu den wichtigsten Vorhaben kapitalistischer Eliten und multinationaler Konzerne mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen.
In der radikalen Linken, der anarchistischen oder autonomen Szene ist KI bisher kaum ein Thema. Es stellt sich die Frage, woran das liegt? Ist hier eine klare Position zu schwer einzunehmen? Ist das Thema zu weit weg vom politischen Radar? Oder gibt es vielleicht die Befürchtung, hier in die Ecke der Technologiefeindlichkeit gedrängt zu werden?

Technologiekritik ist ein schwieriges Feld, KI bewegt sich scheinbar jenseits der offensichtlichen menschlichen Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse. In jedem Falle ist das weitgehende Schweigen schwer nachvollziehbar. Denn die treibenden Kräfte versprechen sich hier große Geschäfte und gleichzeitig tiefgreifende gesellschaftliche, teils „revolutionäre“ Veränderungen. Sind diese Visionen mit linken Vorstellungen von menschlicher Freiheit und Emanzipation vereinbar

In der bürgerlichen Presse und Öffentlichkeit möchte sich selten jemand festlegen, ob KI nun eine eindeutig gute oder eine wirklich schlechte Sache ist, dazu wagt in den Diskursen kaum jemand eine klare Aussage. Viele sehen mehr oder weniger große Chancen oder Gefahren. Wissenschaft und Politik hegen in der Regel die Hoffnung, mit KI würden sich einige wichtige oder gar existenzielle Probleme der Menschheit lösen. Oder es würde sich einfach mal das defizitäre menschliche Dasein verbessern lassen. Überhaupt werden gerne unglaubliche Möglichkeiten beschworen, erstaunliche Effekte und punktuelle Verbesserungen hervorgehoben. Die Versuchung der KI ist groß. Wie ein guter Alien, der uns einfach nur helfen möchte und nicht etwa die Welt erobern und die Menschheit versklaven will - was kann daran schlecht sein?

Die Versprechen der technologischen Vorreiter sind schier grenzenlos: mit KI lassen sich die Verkehrsprobleme lösen, Finanzkrisen abschaffen oder Verbrechen verhindern, die Verfügbarkeit von Informationen optimal verbessern,... oder es wird sogar die weltweite Klimakrise gelöst – den Algorithmen sei Dank.

Was eine Bewertung von KI in jedem Falle schwierig macht, ist die momentane Kluft zwischen den möglichen Möglichkeiten und dem Stand der Dinge. So gesehen ist KI eine Art Sammelbegriff von Ansätzen und Visionen. Die Visionen zu Ende gedacht haben allerdings eine klare Richtung mit erschreckende Konsequenzen. Das sieht auch die technologische Elite so und versucht sich irgendwie selbst Einhalt zu gebieten.

2017 wurden die „Asilomar KI-Prinzipien“ aufgestellt: Darin verpflichten sich die Unterschreiber keine „ungerichtete KI“ zu entwickeln, sondern stets die Nützlichkeit und Wohltätigkeit anzustreben. KI soll den Idealen der Menschrechte, Menschenwürde und kulturellen Vielfalt entsprechen, die Freiheit schützen und nicht nur einzelnen Personengruppen nutzen. Die Entwickler werden in die Pflicht genommen, moralische Werte mit zu bedenken und ihre Systeme nicht zum Untergraben bürgerlicher und sozialer Prozesse einzusetzen. Fortgeschrittene KI-Systeme sollten strenge Sicherheits- und Kontrollmechanismen enthalten. - Was von derartigen Selbstverpflichtungen aus diesen Kreisen zu halten ist, versteht sich von selbst.

Die „europäische Politik“ legte in diesem Jahr ihre „Ethischen Leitlinien für eine vertrauenswürdige KI“ vor, das Ergebnis einer hochrangigen und von der Industrie dominierten Expertengruppe. Wen wundert’s: Auch hier wird von einer freiwillige Übernahme gesprochen und dabei auf die Festschreibung unverhandelbarer ethischer Prinzipien verzichtet. Alles in allem wird der wirtschaftliche Nutzen von KI betont. Eine Begrenzung algorithmischer Prozesse in ihren Anwendungsbereichen, eine Art „Rote Linie“ wird letztlich nicht in Erwägung gezogen. Die herrschende Politik spielt einmal mehr die Rolle des Wegbereiters für die Interessen der Konzerne und das Vordringen und Vertiefen des kapitalistischen Wirtschaftssystems in alle Lebensbereiche.

Stellt sich die Frage, ob sich der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz irgendwie eindämmen oder überhaupt aufhalten lässt? Experten und Elite wollen uns im Grunde weismachen, dass der Zug schon abgefahren ist. Die Maschine wurde angestellt und entwickelt sich sozusagen von selbst unbegrenzt weiter, ähnlich wie der kapitalistische Wachstumszwang. Parallelen sind auch zur Verhandlung des Klimawandels zu sehen. Obwohl menschengemacht, scheint es eine Art natürlichen Fortgang einer nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung zu geben. Einmal in Gang gesetzt, scheinen sie wie Selbstläufer. Und so gesehen macht es einen klaren Eindruck: Zwar forcieren die großen Konzerne die Entwicklung, dennoch sind es die vielen einzelnen Individuen, die tagtäglich den Fortschritt mittragen, verbreiten und verbreitern. Gibt es in diesem scheinbar geschlossenen System eine Chance die Richtung radikal zu verändern?

Es ist längst an der Zeit, auf die gesellschaftliche Diskussion stärker einzuwirken und aus dem linken Spektrum eine klare und sichtbare Kritik und Position zum Herrschaftsprojekt „Künstliche Intelligenz“ zu formulieren und nicht zuletzt auch zu ergreifen. Es muss deutlich gemacht werden, dass KI keine Probleme löst, sondern schafft und vielmehr selbst ein Problem ist / werden kann / werden wird.

Schon gar nicht darf KI dafür herangezogen werden etwa die Klimakrise zu lösen: Weil „die Menschheit“ es von alleine wohl nicht hin bekommt, bleibt jetzt gar keine andere Möglichkeit mehr, als dass die Menschheit sich der totalen Kontrolle von KI unterwirf um „die Welt zu retten“ – schönen Dank auch! Diese Richtung könnte sich durchaus innerhalb der FFF-Bewegung, die sich ja vor allem der Weltrettung, der Zukunft und der Wissenschaft verpflichtet sieht, herauskristallisieren.

Mit „KI – Nein Danke“ steht, wenn auch sehr verkürzt, ein griffiger Slogan im Raum, der unmissverständlich zum Ausdruck bringt, dass es an dieser Stelle kein wenn und aber gibt. Darüber hinaus könnte damit auch die überfällige Diskussion zum Thema Digitalisierung an Schärfe und Radikalität gewinnen.

Anna Birnbaum und Arthur Hartflügler

P.S.: Zu guter letzt noch einmal ein paar Sätze aus dem Aufruf, die die Sache mit der Künstlichen Intelligenz auf den Punkt bringt:

Sie zielt auf unsere Vielfältigkeit, Sprache, Körper, Kultur und Denkweise.

In einer Welt gedacht als Daten und digitale Platine wird alles nur noch gemessen, gespeichert, identifiziert, analysiert und prognostiziert, um zu steuern, zu optimieren, auszubeuten.

Sie dringt in alle Lebensbereiche vor, für alles eine Norm, bedeutet Überwachung, Kontrolle, in eins und null, ja und nein, auf Schritt und Tritt.

Dieser Feldzug der Algorithmen, der Automatisierung und Optimierung führt zu einer neuen totalitären Gesellschaft.
Menschen reduziert auf Datensklaven sind Verdammte einer konsum- und gewinnorientierten Konzernwelt, eines digitalisiert autoritären Staatswesens.

Die smarte Gesellschaft ist die Speerspitze, die Künstliche Intelligenz die Guillotine eines technologischen Angriffs auf unser menschliches Dasein weltweit.

Darum: Alles hinterfragen... KI – NEIN DANKE!

https://de.indymedia.org

Anmerkung der Moderation

Wir fordern alle Autor*innen dazu auf, ihre Beiträge in geschlechtergerechter Sprache zu formulieren. Wenn in einem Text nur die männliche Form verwendet wird, sehen wir darin eine Form von Sexismus. Zu Details wie geschlechtergerechte Formulierung aussehen kann verweisen wir auf den Leitfaden “Was tun?” http://feministisch-sprachhandeln.org/ sowie auf das Genderwörterbuch auf https://neu.geschicktgendern.de/

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