Künstliche Intelligenz, "soziale" Medien und die Ausbeutung von Arbeitskraft in #Kenia
KI und soziale Medien sind in aller Munde. Es wird gesagt, sie werden die Welt verändern. Doch was steckt hinter der Entwicklung dieser Technologien? Wie sieht es mit den Rechte der Erwerbsarbeiter:innen aus, die diese mit Inhalten füllen bzw. Inhalte prüfen und so erst zum Laufen bringen - und damit helfen, enorme Gewinne zu produzieren? In Zeiten, in denen über eine KI-Blase geredet wird, die bald zu platzen droht, veröffentlichte Labournet Germany ein lesenswertes Feature über die Content Moderators Union in Afrika - mit dem Fazit: Hinter ChatGPT, Facebook und Co. stecken prekäre und traumatisierende Arbeitsbedingungen
Im Feature heißt es einleitend:
"Anfang Mai 2023 hat sich die erste Content Moderators Union Afrikas in Nairobi/Kenia gegründet. Content Moderator*innen prüfen Inhalte, die von künstlicher Intelligenz oder auch auf Social Media Plattformen wie TikTok, Facebook und Instagram aufgespürt und verarbeitet werden. Dabei geht es um menschenfeindliche und erniedrigende sowie gewaltvolle und traumatisierende Inhalte, die die Prüfer*innen bei der Sichtung selbst oft krank machen. Diese Inhalte werden markiert, damit sie gelöscht und von KI als gefährlich erkannt werden. Diese Arbeit ist wie die meiste gesundheitsschädliche Arbeit in den globalen Süden, in dem Fall u.a. nach Kenia ausgelagert. Die Kolleg*innen erhalten nur etwa zwischen 1,50 und 2,20 Dollar die Stunde. Seit 2019 versuchen sie sich zu organisieren. Das Subunternehmen Sama hat nun viele Kolleg*innen entlassen, die Facebook und Co. auf Weiterzahlung der Löhne verklagen wollen."
Das Feature auf labournet.de fasst verschiedene kritische Beiträge zusammen, die sich anhand von Interviews und Forschungen über die Situation in Kenia mit der Auslagerung von Content-Moderation in den globalen Süden beschäftigen. Im folgenden ein paar Auszüge:
Die geheimen ChatGPT-Malocher: „Die Arbeit findet im Verborgenen statt und ist brutal“. Interview von Nina Scholz im Freitag vom 5. November 2025 online externer Link mit Mark Graham, Professor für Internetgeografie, der gemeinsam mit James Muldoon und Callum Cant das Buch „Feeding the Machine. Hinter den Kulissen der KI-Imperien“ veröffentlichte. (Harper Collins Verlag, Hamburg 2025, 319 S., 24 €)
"Ich forsche seit 16 Jahren in Nairobi zu digitaler Arbeit. Dort wurden damals sehr viele Callcenter eingerichtet. Mittlerweile sind aus den Callcentern Datencenter für die KI-Technologie geworden. Das Setup ist ähnlich: Man braucht nur ein großes Gebäude mit Computern. Aber die Arbeit unterscheidet sich. Die Arbeitsbedingungen sind wirklich brutal. Außerdem findet diese Arbeit im Verborgenen statt, viele Menschen wissen nichts davon. Wir wollten deshalb die Arbeit, die nötig ist, dass es überhaupt KI-Entwicklungen gibt, in den Mittelpunkt unseres Buchs stellen. (…) Die Annotator:innen trainieren das System darauf, den Unterschied zwischen einer Straße, einer:m Hünd:in, einem Laternenpfahl, einem anderen Auto und einem Kind zu erkennen. Millionen und Abermillionen Stunden menschlicher Arbeit werden damit verbracht, Videos und Bilder zu markieren, um die KI zu trainieren. Je mehr Daten, desto besser die KI. (…)
In den riesigen Datencentern sitzen die Annotator:innen in großen Hallen, in denen Hunderte, manchmal Tausende von Schreibtischen nebeneinanderstehen. Die Schichten sind oft zehn Stunden lang, an sechs Tagen in der Woche. Die Arbeiter:innen werden dabei permanent überwacht von ihren Manager:innen. Sie bekommen sowohl Geschwindigkeitsziele als auch Qualitätsziele vorgegeben. Die Datenarbeiter:innen wissen, wenn sie die Ziele nicht erfüllen, verlieren sie wahrscheinlich ihren Job. Das erzeugt enormen Druck, während die Jobs gleichzeitig langweilig und repetitiv sind."
(Anmerkung: Dieses Zitat wurde geschlechstssensiblisiert.)
In Auslagerung der Content-Moderation in den globalen Süden: »Koloniale Ausbeutung wird digitalisiert« interviewt die Politökonomin* Joanita Najjuko Felix Sassmannshausen für ND online vom 1. September 2025.
"… Diese Strategien spiegeln eine Abkehr von traditionellen Beschäftigungsverhältnissen hin zu prekären, ausgelagerten Arbeitsbedingungen und algorithmischer Kontrolle wider. Aus einer panafrikanisch-feministischen Perspektive ist dies keine neutrale technische oder wirtschaftliche Entscheidung. Es handelt sich um einen politischen Akt, der von neoliberalen, kapitalistischen Logiken der Ressourcenausbeutung, rassifizierten und geschlechtsspezifischen Arbeitshierarchien geprägt ist. (…)
Große Technologieunternehmen profitieren von einem globalen System, in dem durch verschiedene Praktiken Gewinnmaximierung angestrebt wird. Dazu gehört Lohnarbitrage, also die Ausnutzung von Lohnunterschieden zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden. Hinzu kommt, dass Daten von Nutzer*innen ohne faire Entschädigung extrahiert werden. Und schließlich profitieren Unternehmen von den Vorteilen schwacher, fragmentierter Arbeitsschutzmaßnahmen und Datenregulierung, insbesondere im globalen Süden. Das vertieft die globale Kluft und reproduziert koloniale Ausbeutungsmuster, die nun einfach digitalisiert werden. (…)
Länder wie Kenia, Nigeria und Südafrika sind zu Hotspots für digitales Outsourcing in Afrika geworden. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi sind beispielsweise zahlreiche Content-Moderationsdienste ansässig, darunter auch für Facebook. Länder wie Indien und die Philippinen sind seit Langem etablierte Outsourcing-Standorte. In jüngerer Zeit beobachten wir auch eine Verlagerung in Konfliktregionen. Große Technologieunternehmen haben Teile der Demokratischen Republik Kongo, Somalia, den Südsudan und die Sahelzone ins Visier genommen. Dies ist vor allem auf Umbrüche in den traditionellen Arbeitsmärkten zurückzuführen. Mangelnde Arbeitssicherheit und wirtschaftliche Not machen die Arbeiter*innen verwundbar, insbesondere weibliche Beschäftigte. (…)
Ich glaube, dass weltweit durchsetzbare Arbeitsstandards das wichtigste Mittel sind, um den großen Tech-Unternehmen entgegenzuwirken. Ein Punkt ist eine verbindliche Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für digitale Plattformen, die nicht nur Gig- und Plattformarbeiter*innen, sondern alle ausgelagerten Bereiche abdeckt. Wir sehen, dass auch traditionelle Arbeitsplätze zunehmend digitalisiert werden und neue Arbeitsformen entstehen. Und wir brauchen mehr regionale Standards, zum Beispiel durch die Afrikanische Union. Viele unserer Gesetze wurden einfach kopiert und dienen oft eher den Interessen der Unternehmen als dem Schutz der Beschäftigten. (…)
Wir brauchen Sorgfaltsgesetze, die nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch sicherstellen, dass große Technologieunternehmen die Arbeitsstandards entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette einhalten und keine Schlupflöcher ausnutzen können. Es ist entscheidend, dass jede Strategie die Arbeiter*innen, insbesondere die am stärksten marginalisierten, in den Mittelpunkt stellt und einbezieht. Sie müssen als Gleichberechtigte agieren können und nicht nur als Bittsteller."
Ein maschinell übersetzter Artikel von Mercy Mutemi in Al Jazeera vom 1. April 2025 befasst sich mit den Arbeitskämpfen von Erwerbsarbeiter:innen in Kenia, die "für Metas Profit gelitten" haben. Die Welt sollte aufhorchen, denn:
"Ein richtungsweisender Fall könnte dazu führen, dass der US-Tech-Riese gezwungen wird, die Verantwortung für die Verletzung von Arbeitnehmer:innenrechten nicht nur in Kenia, sondern weltweit zu übernehmen.
In einer bahnbrechenden Entscheidung entschied das kenianische Berufungsgericht im September letzten Jahres, dass Moderator:innen von Inhalten ihre Klage wegen Menschenrechtsverletzungen gegen Meta vor den Arbeitsgerichten des Landes einreichen können. (…) Die Beschäftigten wissen, dass Metas scheinbare Kehrtwende bei der Moderation von Inhalten alles andere als das ist. Wie sie in ihren Klagen vor Gericht dargelegt haben, hat das Unternehmen die Angelegenheit nie ernst genommen. Nicht ernst genug, um die zivilen und ethnischen Konflikte, die politische Gewalt und die Angriffe des Mobs auf marginalisierte Gemeinschaften zu beenden, die auf seinen Plattformen gedeihen. Nicht ernst genug, um den Menschen, die dafür sorgen sollen, dass dies nicht geschieht, einen fairen Lohn zu zahlen. Der Schaden geht in beide Richtungen: Giftige Inhalte schüren die Schrecken der realen Welt, und diese Schrecken erzeugen weitere giftige Inhalte, die die Plattformen überschwemmen. Inhaltsmoderator:innen sind digitales Kanonenfutter für Meta in einem Krieg gegen schädliche Inhalte, den das Unternehmen nie wirklich bekämpfen wollte. (…) Viele von ihnen waren gezwungen, sich die in ihren Heimatländern begangenen Gräueltaten anzusehen, um die Nutzer:innen von Meta vor dem Schaden zu bewahren, den der Anblick dieser Bilder und Aufnahmen anrichtet. Sie nahmen dieses Trauma auf sich, damit andere in ihren Gemeinschaften es nicht erleben mussten, und viele empfanden dies als eine noble Berufung. Aber diese Arbeit forderte ihren Tribut an der psychischen Gesundheit. Bei mehr als 140 ehemaligen Content-Moderator:innen wurden PTBS, Depressionen oder Angstzustände aufgrund ihrer Arbeit diagnostiziert."
(Anmerkung: Dieses Zitat wurde geschlechstssensiblisiert.)
In Digitaler Kolonialismus: „Viele Menschen haben für Metas Profit gelitten“ wird die Anwältin Mercy Mutemi von Ingo Dachwitz für Netzpolitik.org vom 30. März 2025 interviewt. Mercy Mutemi führt in Kenia mehrere strategische Verfahren gegen Tech-Konzerne und erzählt, "warum Content-Moderator:innen Gerechtigkeit verdienen und wie ihre Vision für eine selbstbestimmte digitale Zukunft Afrikas aussieht."
"Große Tech-Konzerne lagern wichtige, aber belastende Arbeit gerne nach Afrika aus. Sie tun das in einer kolonialen und ausbeuterischen Art und Weise. In Nairobi beispielsweise beschäftigte Meta über Dienstleister, sogenannte BPO-Firmen [Business Process Outsourcing], hunderte Content-Moderator:innen, die die Plattformen sicher halten. Auch viel von der Datenarbeit hinter KI-Modellen findet hier statt. Dabei werden besonders die belastenden Tätigkeiten zu uns geschickt, etwa die Arbeit mit pornografischen Inhalten. Auch ChatGPT wurde in Kenia trainiert, trotzdem konnte der Chatbot neulich nicht mal die Frage richtig beantworten, wer der aktuelle Präsident von Kenia ist. (…) Viele Menschen haben für Metas Profit gelitten. Dafür muss der Konzern Verantwortung übernehmen und bessere Bedingungen schaffen. Diese Menschen haben die Sozialen Medien sicher gehalten, damit der Konzern Milliarden verdienen kann. Als Dank wurden ihre Rechte mit Füßen getreten. Sie wurden nicht fair bezahlt. Manche von ihnen wurden in dieses Land gebracht, ohne dass sie erfahren haben, was sie hier erwartet."
Contentmoderator*innen in Kenia: Doppelstrategie mit Gewerkschaft und Klage von Leila van Rinsum in Superoutsourcing, NORDSÜD NEWS Ausgabe 3 vom 18.12.2024 befasst sich mit der Gründung der African Content Moderators Union:
"Als outgesourcte Content-Moderatorin für Facebook muss Kauna Malgwi in Nairobi täglich gewalttätige Videos sichten – ohne psychische Unterstützung und für wenig Geld. Als sie sich organisieren will, wird sie mit 260 Kolleg*innen entlassen. Aber aufgeben gilt nicht. Die BPO-Arbeiter*innen kämpfen jetzt für ein starkes keniaweites Abkommen. (…)
Doch die Tech-Arbeiter*innen haben nicht nur auf die Gerichte gewartet. Nach ihrem Rauswurf gründeten sie mit mehr als 150 Content-Moderator*innen von Facebook, TikTok und ChatGPT die African Content Moderators Union in Nairobi. Auch Daten- und Cloud-Arbeiter*innen oder Call Center-Agent*innen sind der Gewerkschaft beigetreten. Im Oktober hat die African Content Moderators Union unter Führung der Gewerkschaft der Kommunikationsarbeiter*innen Verhandlungen mit Teleperformance aufgenommen, einem französischen Unternehmen, das die Moderation von Inhalten für TikTok in Nairobi regelt. (…) Die kenianische Regierung habe Versuche der Beschäftigten, sich gewerkschaftlich zu organisieren, nicht wohlwollend aufgenommen, erzählt Malagwi. Die Beamten hätten der African Content Moderators Union die Registrierung verweigert, stattdessen wurde sie als Mitglied der Gewerkschaft der Kommunikationsarbeiter zugelassen. „Sie glauben, dass wir ausländische Unternehmen verjagen.“
Und tatsächlich hat die Nachfolgefirma von Sama die Content Moderation nach Ghana verlegt. Aber das hält Malgwi und ihre Kolleg*innen nicht auf. Im Gegenteil, das Nigerianische Kapitel der African Content Moderators Union ist bereits gegründet. Andere sollen folgen."
Zusammenfassung:
Das Feature von Labournet Germany vom 11. November 2025 veranschaulicht, wie mit der Ausbeutung von Erwerbsarbeit Firmen wie OpenAI oder Meta Milliarden verdienen. Arbeitsbedingungen und Bezahlung sind miserabel. Die Menschen, die für milliardenschweren Tech-Konzerne schuften, verdienen vielleicht mehr als das landesübliche Durchschnittsgehalt - trotzdem sollte nicht übersehen werden, dass es sich um eine Fortschreibung von Kolonialismus und globaler Ausbeutung handelt. Es gibt keine "faire Bezahlung" durch diese Unternehmen, der Gewinn wandert in die Taschen von Multimilliardär:innen und Aktionär:innen, die sich nicht ihrer Verantwortung der Mittärer:innenschaft entziehen sollten.
Im Feature finden sich weitere lesenswerte Beiträge sowie Verweise auf ältere Zusammenfassungen zum Thema, ebenfalls empfehlenswert wie jene vom 22. Dezember 2024: Globaler Süden am Bsp. Kenia: Prekäre Klickarbeit hinter den Kulissen des Text-Generators ChatGPT.