Notes of Lesvos: Neues Camp Vastria oder „Welcome to hell – again!“

veröffentlicht am 3. Januar 2023

Dies ist der zweite Teil eines Berichtes von der Insel Lesbos, der sich auf das bald eröffnende neue Camp beziehen soll. Hierzu muss ich sagen, dass viele der angegeben Infos eher spekulativ sind, da es sehr schwer ist, etwas aus erster Quelle in Erfahrung zu bringen, wenn es um den Zeitpunkt der Eröffnung oder die Umsiedlung der Menschen geht. Was das technische betrifft, orientieren wir uns am schon bestehenden Camp auf Samos, da dasselbe System auf Lesbos angewendet wird.

TEIL 2
(Teil 1 findet ihr hier: https://emrawi.org/?Notes-of-Lesvos-Eine-Scheisse-jagt-die-nachste-Pushbacks-und-das-neue-Camp-2447)

Seit das masslos überfüllte Camp Moria im September 2020 abgebrannt ist, wurde ein „temporäres“ Camp am Stadtrand von Mitilini errichtet, „Mavrovouni“. In Planung war allerdings schon lange der neue Standort „Vastria“, wobei dies kein Dorf oder Ort ist, sondern eine Region. Damit kommen wir schon zum ersten entwürdigenden Punkt: das neue Camp steht inmitten eines Pinienwaldes, nicht weit von der größten Müllhalde der Insel und es gibt kilometerlang keine Infrastruktur, wo Menschen sich Verpflegung, Kleidung, Beschäftigung usw. suchen könnten. Das Camp hätte 2021 eröffnen sollen, hat sich aber sehr nach hinten verschoben, wodurch nun trotz vieler Spekulationen an Februar 2023 festgehalten wird. Die Leute hier schauen mit einer Mischung aus Ungewissheit, Wut und Resignation auf diesen Moment.
Nicht nur dass dieses Camp mitten in die Pampa gelegt wurde, es kommt hinzu, dass der Wald drum herum im Sommer unter höchster Waldbrandgefahr steht und es kaum eine annähernd vernünftige Evakuierungs- und Notfallplanung gibt. Es könnte also ziemlich schnell eskalieren, wenn nur irgendwas in der Nähe oder im Camp brennt, denn niedrige Pinienwälder wie dieser, sind die brennbarsten Waldarten des Mittelmeerraumes. Das Chaos, das bei so einem Feuer entstehen kann, wenn es nicht einmal aslphaltierte Strassen mit Transportmöglichkeiten zur Evakuierung gibt, ist vorprogrammiert. Eine neue Hölle wird geschaffen.

Kommen wir zu weiteren inakzeptablen Fakten. Das Camp ist eines der fünf neuen EU-finanzierten „high-security, multi-purpose reception and identification centres (MPRICs)“, also multifunktionale Hochsicherheits-Aufnahme- und Identifikationszentren. What the fuck soll das heissen? Es wird sich gleich herausstellen.
Als Teil des neuen Griechenland-EU-Migrationspaktes (kurz nach dem Moria Brand) ist beschlossen worden, die Camps auf den Inseln Chios, Kos, Leros, Samos und Lesbos durch die Pilotprojekte der ersten MPRICs zu ersetzen. Längerfristiges Ziel der Autoritäten könnte sein, diese Camps überall an den Aussengrenzen Europas zu errichten, sofern sich diese Pilotprojekte als effektiv genug erweisen, eine „Lösung der humanitären Krise“ zu präsentieren. Der griechische Migrationsminister Notis Mitarachi freut sich jedenfalls schon auf die neu beginnnde Ära der Behandlung des „Migrationsproblems“.
Dem Pakt zufolge, müssen die neuen Geflüchteten-Camps unter anderem die „Gesundheit“ und „Sicherheit“ der Asylsuchenden, die dort leben, gewährleisten. In der Praxis wurde dies aber in stark gefängnisgleichende Konditionen übersetzt, mit doppeltem Stacheldraht-Zaun, Betonmauern und 24/7 Überwachung.
Das System in diesen Camps nennt sich closed-controlled access-center (CCAC). Das bedeutet, es ist ein geschlossenes Camp. Obwohl EU-Komissionsabgeordnete Ylva Johansson bei ihrem letzen Besuch in Griechenland ganz human versichert hat, es sein KEIN geschlossenes Camp, wurde in der Präsentation des griechischen Ministeriums 18 mal das Wort „geschlossen“ erwähnt.
Es ist also ein halbautomatisiertes Kontrollsystem, in dem mithilfe von Chipkarten alles gespeichert werden kann, was sich bei einem Individuum ereignet und wann es das Camp verlässt und betritt. Wie oft die Menschen raus dürfen und wenn ja, wie lange, bleibt alles unklar. Fest steht, dass durch eine automatisierte Einlasskontrolle, Menschen schnell einmal der Zugang verwehrt werden kann, wenn z.B. ihr Asylbescheid positiv ist. Dann haben sie nämlich keinen Anspruch mehr auf das Camp und sind auf sich allein gestellt, was sehr problematisch ist, da sie ohne Unterkunft, Job und Geld sind. Dann ist die Karte gesperrt und Mensch kommt von heute auf morgen nicht mehr ins Camp. Bisher haben Menschen ohne Campausweis sich noch einige Zeit verstecken können, bis sie sich ihre Weiterreise oder Job organisiert haben. Da es menschliche Ressourcen waren die dies kontrollierten, gab es noch einen gewissen Spielraum, die Infrastruktur unerlaubt zu nutzen. Das fällt mit der Anwendung des neuen Überwachungssystems „Centaur“ weg. Wer auch immer sich den perfiden Namen einer brutalen Kreatur mit einem Auge für eine Totalüberwachung ausgedacht hat, sollte an der eigenen Kreativität krepieren!
Die Überwachungstechnologie, die hier auf ca. 5000 Menschen angewendet wird, ist ein integriertes digitales System mit elektronischem und physischen Sicherheitsmanagement im Inneren und um das Camp herum platziert. Es werden dafür Kameras und ein Bewegungsanalyse-Algorithmus verwendet.
Das Projekt beinhaltet viele verschiedene technische Mittel, so wie Videoüberwachung, Videobildschirme, Drohnenflüge über die Einrichtung, „perimeter violation alarms“ (also sensorische rundum Bewegungsmelder mit Infrarotkameras), Kontroll-Drehkreuze an den Eingängen mit integrierten Metalldetektoren, ein automatisiertes System für Ankündigungen durch Lautsprecher.
Gesteuert wird dies alles aus dem Headquarter des Ministeriums. So haben sie ihre Zentauren-Augen fein überall, damit ihnen auch niemand entwischt und alles unter Kontrolle ist.
MPRICs sind also nicht anderes als Gefängnisse.
Das wird jedoch nicht verhindern, dass es genauso gut niederbrennen kann wie die Hölle Moria. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Menschen die Umstände in Camps nicht mehr ertragen, doch braucht es bei solch hochtechnologisierten Projekten noch mehr Unterstützung auf allen Ebenen, da jedes Grundbedürfnis einen hohen Aufwand bedeutet. Schon beim bestehenden Camp Mavrovouni wird jeder Mensch vor dem Eintreten mit Metalldetektor durchsucht. Stell dir vor du wirst jedesmal kontrolliert bevor du in dein (temporäres) Zuhause gehen kannst.

Es gab zwar schon Proteste gegen das neue Camp, leider aber von den falschen: Faschist*innen haben anfangs sogar Baumaschinen in Brand gesetzt. Niemand will dieses Camp, weder die solidarischen Menschen, noch die Migrant*innen selbst, noch die Faschos. Es wird also mit Entsetzen auf Februar geschaut, nicht wissend, ob es bei der Umsiedlung der Menschen zu Eskalationen kommen wird, oder nicht. Wie genau dieser Transfer aussehen wird, weiß niemand, Vermutungen sind aber, dass erstmal sehr viele Bullen vom Festland geholt werden und das ganze dann nachts durchgedrückt wird. Nochmal zur Erinnerung: es gibt bisher nicht einmal eine normale Straße zum Camp, sondern nur eine „dirtroad“. Wie auch immer es passiert, wir werden auch kaum in Erfahrung bringen können, wie es den Menschen drinnen gehen wird. Die Überwachung dehnt sich in die Region ums Camp herum dermassen aus, dass wir wahrscheinlich nicht einmal in Sichtweite kommen werden können, ohne Probleme mit Security von der Firma G4S zu bekommen. Einige solidarische Menschen werden also versuchen, die Leute zu unterstützen, die von diesem System ausgeschlossen werden, ansonsten stehen viele Fragen offen, wie dann Support im allgemeinen aussehen kann. Die grossen NGOs haben sich auch schon alle brav beschwert, das neue Camp sei vollkommen unmenschlich, und juristische Teams oder auch algorithmwatch.org beklagen die Grenzüberschreitung im Personen-Datenschutz auf twitter und co. Gebracht hat das meines Erachtens noch nicht viel (zugegeben genausowenig wie dieser Text).

Zusammenfassend ist es doch wieder ein weiterer Angriff auf das Leben und auf die Freiheit. Durch solche Infos können wir nur wütender werden und uns wehren. Denn überraschen tut es eigentlich kaum noch, dass Millionen an Geldern und Ressourcen aufgewendet werden, um zu verhindern, dass Menschen sich da hin bewegen können, wo sie wollen. Denn Rassismus sitzt tief. Und er hat Struktur. Eine verdammt mächtige, durch und durch hinterlistige, kontrollsüchtige Struktur. Kapitalistische ausbeutende Staaten sind rassistisch und damit das grundlegende Problem. Stechen wir ihnen die Augen aus!

Gegen Überwachungsstaaten
Gegen jeden Staat
Für autonome Bewegungsfreiheit für alle

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