Sexarbeit ist Arbeit! - Für einen würdigen und diskriminierungsfreien Umgang mit Sexarbeiter*innen

veröffentlicht am 4. Juni 2019

Zum diesjährigen Internationalen Hurentag machen die Sexarbeiter*innen-Selbstorganisationen sexworker.at und Red Edition, sowie die Unterstützer*innen- und Beratungsorganisationen maiz (Linz), PiA (Salzburg), iBUS (Innsbruck), SXA-Info (Graz) und LEFÖ (Wien) auf Missstände, behördliche Willkür und die diskriminierende Ungleichbehandlung auf rechtlicher sowie gesellschaftlicher Ebene von Personen, die in der Sexarbeit tätig sind, aufmerksam.

Die behördliche Registrierungspflicht und sechswöchentlichen Pflichtuntersuchungen schreiben Personen, die Sexdienstleistungen anbieten, besondere Pflichten vor, die akribisch verfolgt und kontrolliert werden, ohne ihnen jedoch einen klaren und ausreichenden arbeitsrechtlichen Schutz zu gewährleisten. Die bestehenden Prostitutionsgesetze fokussieren hauptsächlich den Schutz der Gesellschaft vor Sexarbeit (wer und wo der Sexarbeit nachgegangen werden darf); nicht vorgesehen sind rechtliche Möglichkeiten sich als Sexarbeiterin vor Ausbeutung zu schützen.

Gleichzeitig wird ein verstärkter Fokus auf Kontrollen von verwaltungsrechtlichen Übertretungen in dieser Arbeitsbranche seitens der Behörden gelegt. Diese sind oft an drastische und erniedrigende Vorgehensweisen gekoppelt und angesichts einer möglichen Verwaltungsüberschreitung äußerst frag- und kritikwürdig. Zudem hat dies zur Folge, dass Sexarbeiter*innen die zuständigen Kontrollbehörden meist ausschließlich als strafende Instanz wahrnehmen. Sexarbeiter*innen, die herabwürdigende Behandlungen von Seiten der Behörden erleben, verlieren das Vertrauen in die Behörden. Dadurch erhöht sich die Gefahr, dass selbst wenn Hilfe benötigt wird, diese nicht geholt wird. Diese Vorgehensweise vonseiten der Behörden sind hinderlich, wenn es um die Aufklärung und Bekämpfung von Ausbeutung und anderen Straftaten geht. Zudem erhöhen sie die Marginalisierung und Stigmatisierung von Personen die Sexdienstleistungen anbieten und erschweren den Zugang zu Unterstützung erheblich.

Um diese Situation zu verbessern, bedarf es einer kontinuierlichen und realitätsnahen Evaluierung von neu entstandenen Problemlagen, sowie Lösungsansätzen, die nur durch Zusammenarbeit von allen beteiligten Stellen entstehen können. Gleichzeitig werden kompetenten Beratungsstellen Fördergelder entzogen bzw. weiter auf niedrigem Niveau gehalten. Somit kann die umfassende und auf Respekt und Anerkennung basierte Beratung nur unzureichend umgesetzt werden. Diese Kürzungspolitik ist auch eine Art der Gewalt gegenüber Sexarbeiter*innen und eine symbolträchtige Positionierung seitens des Staates.

Die unterzeichnenden Organisationen fordern deshalb:

- ein Ende der kriminalisierenden, diskriminierenden und stigmatisierenden Praktiken gegenüber Sexarbeiter*innen
- effektive Rechtssicherheit und Zugang zu Gerechtigkeit, unabhängig vom Aufenthaltsstatus
- Miteinbeziehung von Sexarbeiter*innen in alle sie betreffenden
Entscheidungsprozesse.
- langfristige und verlässliche Finanzierung von Beratungsstellen, um den effektiven und
niederschwelligen Zugang zu Unterstützung zu gewährleisten

Aktionen anlässlich des Internationalen Hurentags 2019:

Wien: 04.06.2019, 16.00 - 19.00 Uhr, Urban-Loritz-Platz: Öffentliche Aktion für mehr Rechte für Sexarbeiter*innen mit Info-Café, Reden, Flashmobs und Musik-Acts von Schapka, Lana Sharp und DJane Chra. Gemeinsam mit den Grünen Frauen Wien, maiz (Linz), PiA (Salzburg), den KPÖ Frauen, sexworker.at, Red Edition, dem Kollektiv „Take back the Streets“, dem Kollektiv Ni Una Menos Austria, Amnesty International – Netzwerk Frauenrechte und der ÖH BV lädt LEFÖ zu diesem Aktionstag ein!

Wien: 05.06.2019, 19.00 Uhr, Admiral Kino, Burggasse 119: Filmscreening „Crossings –Geschichten migrantischer Sexarbeiter*innen“ und anschließende Diskussion mit Vertreter*innen des internationalen europäischen Netzwerks TAMPEP. Veranstalterinnen: LEFÖ, PiA, TAMPEP Steering Comittee, in Kooperation mit den Grünen Frauen Wien.

Internationaler Hurentag, 2. Juni 1975 - Proteste und Kirchenbesetzung von Sexarbeiter*innen in Frankreich

Zeitgleich mit der Kirchenbesetzung in Lyon riefen Sexarbeiter*innen einen Streik aus, der sich auch auf andere französische Städte ausweitete. Nach acht Tagen ließ der Innenminister die Kirche räumen, mit der Begründung, die Frauen würden alles amt von Zuhältern kontrolliert, die auch die Anstifter dieser Aktion seien. „Es reduziert damit einen Frauenkampf, der weltweite Schlagzeilen gemacht hat, zu einer Rangelei zwischen Männern: hier `Zuhälter`-da ́Ordnungskräfte ́“, schreibt Pieke Biermann in ihrem Buch „Wir sind Frauen wie andere auch! Prostituierte und ihre Kämpfe“. Diese Strategie ist noch heute üblich, um Sexarbeiter*innen, die sich öffentlich äußern, zu diffamieren und Sympathien in der restlichen Bevölkerung zu zerstreuen.

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