Täter-Strukturen erkennen lernen ist Feminismus in real live

veröffentlicht am 10. November 2024

content warning: sexualisierte und psychische Gewalt in romantischen Beziehungen

In unserem politischen Umfeld wurde schon wieder sexualisierte und patriarchale Gewalt in einer romantischen Beziehung ausgeübt. Falls ihr euch fragt, um wen es geht: genau darum geht es nicht. Es geht darum, Täterschaft aufzuzeigen, diese zu benennen und zum Handeln aufzufordern. Was dieser Text will, ist dass die Bewegung konstruktiv an sich arbeitet, anstatt zu gossipen und in ihren Strukturen Täterschaft zu ermöglichen. Wir wollen, dass wir uns alle in die Verantwortung nehmen.

Romantische Beziehungen als gefährliche Orte - kennen wir leider schon. Was ihr hier lest, betrifft langjährige und strukturierte Gewalt, die eine Person in deren Ex-Beziehung ausgeübt hat. Die eigene Beziehung wurde von ihm ausgenutzt und strukturelle Machtmomente abgestritten. Dazu gehören in diesem Fall Altersdifferenz, Geschlecht und von ihm eingesetzte manipulative Gesprächstaktiken. Als z.B. der Altersunterschied in der Beziehung angesprochen wurde, hat er die Problematik individualisiert und die Verantwortung damit umzugehen mit Behauptungen wie "du bist ja keine durchschnittliche 20 jährige Person" der betroffenen Person zugeschoben.

Über viele Jahre hinweg, in kleinen Nuancen und großen Gesten, hat er mehrmals sexualisierte und psychische Gewalt und langwierig emotionale Manipulation ausgeübt. Er hat seine damalige Beziehungsperson klein gehalten, betrogen und gegaslightet. Er hat die Beziehung als Ressource benutzt, d.h. einerseits emotional, andererseits aber auch politisch-aktivistisch-inhaltlich als sein persönliches Rhetorik-Training. Er hat Diskussionen um feministische struggles nicht geführt, um zu verstehen, zu lernen und danach zu handeln, sondern entweder, um sich mit den ’richtigen’ Worten als Profeminist darstellen zu können oder als ’Übung’, um öffentlich bestimmte feministische Argumentationen oder Diskurse klein zu machen. Queere struggles der Beziehungsperson wurden von ihm nicht anerkannt, queere Erfahrungen zugleich sexualisiert (Stichwort: male gaze). Bei all dem hat er sich immer wieder auf seine männliche Sozialisierung, die es ihm schwer mache, verantwortungsvoll mit Emotionen umzugehen und die Arbeit, die durch seinen vermeintlichen Status nur von ihm geleistet werden könne, rausgeredet.

VERANTWORTUNG ÜBERNEHMEN

Er hat auch nach Jahren keinerlei Verantwortung übernommen für all die Gewalt, die sich in so vielen Facetten gezeigt hat und von betroffener Person benannt und ihm aufgezeigt wurde. Im Gegenteil hat er sich immer wieder selbst als Opfer dargestellt, der betroffenen Person damit extrem viel emotionale Arbeit aufgebürdet und konstant psychische Manipulation ausgeübt. Anstatt sich einer Aufarbeitung zu stellen, hat er die Person weiter sexualisiert und deren Wünsche ignoriert. Während er sich in seiner Beziehung so verhalten hat, war er politisch aktiv und hat dabei sichtbare Positionen und Rollen übernommen. Dabei war er in verschiedenen Vernetzungen aktiv und hat diese u.A. benutzt um über 10 Jahre jüngere Menschen zu daten. Er konnte sich in politischen/öffentlichen Kontexten als Profeminist darstellen und seine Rolle in der Bewegung wurde (zumindest soweit wir das beurteilen können) kaum in Frage gestellt.

(UN)SICHTBARE ARBEIT

Wie bewusst und bedacht wählen wir Menschen aus, die uns repräsentieren (sollen)? Welche Rollen geben wir diesen Personen, wie viel Sichtbarkeit bekommen sie und wieviel unsichtbare Arbeit verlangen sie anderen ab, während sie diese Rolle einnehmen? Wir müssen uns klarmachen, dass gerade sichtbare Rollen immer mit viel unsichtbarer emotionaler und inhaltlicher Arbeit verbunden sind. Wer macht diese Arbeit? In diesem Fall ist zu der Zeit die Beziehungsperson gedrängt worden, einen großen Teil der unsichtbaren Arbeit zu leisten.

WAS MEINEN WIR MIT TÄTER-STRUKTUREN

Wir als Bewegung haben ein Problem. Er ist nicht der einzige. Wenn wir hier von Täter-Strukturen sprechen, legen wir den Fokus auf die Systematik, die es ermöglicht, dass vor allem Cis-Männer in der Linken immer noch oft jahrelang ungehindert psychische und/oder sexualisierte Gewalt ausüben können. Strukturen, in denen Menschen ihr gewaltausübendes Verhalten jahrelang verstecken können, im ’Privaten’ lassen können. Strukturen, in denen betroffene Personen für lange Zeit nicht das Gefühl bekommen, sich Menschen aus dem Polit-Umfeld anvertrauen zu können oder auf fehlendes Verständnis stoßen. Aufgebaute und ausgenutzte Machtstrukturen vorallem gegenüber jungen FLINTA* Personen werden nicht erkannt, Situationen nicht richtig eingeordnet und keine Konsequenzen gezogen. Manchmal wissen wir von Täterschaft in romantischen Beziehungen und ziehen keine Konsequenzen. Manchmal, weil wir als Politgruppe auf deren Ressourcen oder Skills angewiesen sind oder meinen, angewiesen zu sein. Manchmal schauen wir nicht hin oder hören nicht richtig zu, wenn Betroffene sich äußern, weil es bequemer ist, diese Probleme von uns wegzuschieben. Wir sehen uns alle (mehr oder weniger) in der Verantwortung, solche Strukturen mitgetragen zu haben und sind selbst am Nachdenken, wie es so oft so weit kommen kann.

UNSERE ZIELE

Darüber zu reflektieren, wie Situationen und Positionen geschaffen werden, in denen sich machtausübende Personen vermeintlich nicht angreif- oder kritisierbar machen. Obwohl uns klar ist, dass Menschen für wichtige Positionen nicht wegen, sondern trotz gewaltausübendem Verhalten ausgewählt werden, ist es wichtig zu verstehen, wie verschiedene Rollen als Rechtfertigung für gewaltvolles Verhalten benutzt werden können. Verstehen zu lernen, bei welchen Personen wir diese Art von Verhalten hinnehmen, wo wir Vermutungen oder ein komisches Bauchgefühl übergehen und warum. Darüber nachzudenken, wann/warum/wie wir uns durch Passivität der Verantwortung entziehen.

Uns geht es nicht darum, (immer und überall) Ausschlüsse zu erwirken, im Gegenteil: wir sollten uns Strategien überlegen, wie wir Prozesse mit gewaltausübenden Menschen gestalten können. So, dass wir erstens den Wünschen von betroffenen Personen gerecht werden, zweitens Menschen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und vor allem drittens die Strukturen, die das ermöglichen, verändert/reflektiert werden. Mit mehr Bewusstsein und umsichtigem Verhalten, indem wir mehr auf uns und unser Umfeld achten, können wir präventiv handeln und Konsequenzen wie Ausschlüsse vielleicht verhindern. Also tauscht euch aus, redet über komische Momente! Nicht alles ist gleich Gewalt und trotzdem ist es wert zu besprechen, wenn in Situationen ein komisches Bauchgefühl entsteht. Also schaut hin, redet, hört zu und mischt euch ein.

WAS WIR GERADE TUN

Wir schreiben aus der Perspektive einer Unterstützungsgruppe für die betroffene Person. Wir beschäftigen uns grade auch damit, selbst zu reflektieren, wie sich Täterstrukturen der (autonomen) Linken so halten können. Außerdem versuchen wir für die betroffene Person, für uns und auch für einen größeren Kreis einen produktiven Umgang zu finden, der es ermöglicht, über ein bloßes Klarkommen hinaus Veränderungen zu bringen. Konkret bedeutet das, dass wir im Austausch sind mit den (Polit)-Kontexten in denen sich die betroffene Person und die Täter-Person aufhalten.

Lasst uns gemeinsam weiterüberlegen, wie wir diesem Problem entgegentreten können, wie wir laut gegen patriachale Machtstrukturen ankämpfen und verhindern können, dass das Thema wie schon so oft wieder versandet. Teil davon soll eine öffentliche Veranstaltung sein. Außerdem möchten wir die Möglichkeit für Austausch und Vernetzung geben - wie das genau aussehen wird überlegen wir uns noch und hängt auch von internen Ressourcen ab.
Jedenfalls könnt ihr euch bei Interesse über diese E-Mail-Adresse (notimeforbullshit@riseup.net) bei uns melden, wir melden uns dann gesammelt zurück.

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