Was hinter den „Grauen Wölfen“ von Favoriten steckt

veröffentlicht am 26. Juni 2020

Gestern Nacht griffen türkische Rechtsextreme eine Frauenkundgebung am Reumannplatz in Wien-Favoriten an. Regelmäßig schüchtern die ultra-nationalistischen „Grauen Wölfe“ Minderheiten ein. Wie die selbsternannten „Wächter von Favoriten“ organisiert sind und was sie so gefährlich macht, berichtet Zeynep Arslan.

Der Lärm der Polizeihubschrauber war gestern bis spät in die Nacht zu hören. Lange kehrte keine Ruhe auf den Straßen von Wien-Favoriten ein. Begonnen hatte alles mit einer Kundgebung einer kurdischen Frauenorganisation, die im Ernst Kirchweger Haus (EKH) angesiedelt ist. Die Teilnehmerinnen wollten auf die steigende Anzahl der Frauenmorde in der Türkei und in Österreich hinweisen. Sie wollten zeigen, was die Auswirkungen einer frauenfeindlichen Politik sind, wie sie sich unter anderem in der Privatisierung und Zerschlagung der Frauenhäuser in Salzburg zeigt.

Dann wurden die Frauen von einer Gruppe faschistischer Männer angegriffen. Binnen kürzester Zeit tauchten rund hundert Rechtsextreme auf, es kam zu einem Großeinsatz der Polizei. Die Frauen flohen ins EKH und mussten dort aus Sicherheitsgründen für Stunden ausharren.
Nicht der erste Übergriff

Gestern handelte es sich nicht um den ersten Übergriff im Bezirk. Auch am 1. Mai kam es zu ähnlichen Vorfällen am Rande einer Kundgebung am Keplerplatz. Und es zeigt sich ein Muster: Die rechtsextreme Gruppe junger Männer scheint keinerlei Scheu vor den Sicherheitskräften zu haben, die letzte Nacht sogar durch zwei Polizeihubschrauber unterstützt wurden.

Aus zwei bis drei Jugendlichen können binnen Minuten fünfzig bis hundert werden. Sie treten als Eigentümer und Wächter Favoritens auf und wollen ihren Bezirk beaufsichtigen. Sie verbieten Anrainer*innen und Veranstaltungsbesucher*innen, dass sie während des muslimischen Fastenmonats Ramadan Alkohol konsumieren. Kurdische Musik und Sprache versuchen sie aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Gerne hetzen sie auch die Polizei auf türkisch-kurdische Teilnehmer*innen von Veranstaltungen – mit der Unterstellung, dass sie Anhänger*innen der PKK (Kurdische Arbeiterpartei) seien. Selbstbewusst beschuldigen sie die Polizei und den österreichischen Staat, einer Terrororganisation den öffentlichen Raum zu überlassen. Sie mobilisieren einander über ihre Handys und gliedern sich in hierarchische Rollen.
Vorbild Erdoğan

Das Weltbild der Gruppe ist von den politischen Ideen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geprägt. Sie positionieren sich als seine Verteidiger und scheuen nicht davor zurück, in Anwesenheit der Polizei den in Österreich verbotenen Wolfsgruß (als Erkennungszeichen türkischer Faschisten mit dem Hitlergruß vergleichbar) zu machen.

Wie kann es sein, dass junge Menschen, die in Wien und Österreich zur Welt gekommen sind, dermaßen unreflektiert rassistisches türkisches Gedankengut und pauschalisierten Hass leben? Leider begünstigt die allgegenwärtige Diskriminierung in Österreich die Propaganda der türkischen Rechtsextremen. Jugendliche, die regelmäßig Ausschlüsse nach dem Motto „Du bist und kannst mit uns (sein), jedoch wirst du niemals einer von uns sein“ erleben, können sich nie gleichberechtigt und gleichbehandelt fühlen. Dieser strukturelle und institutionelle Rassismus verhindert ein gemeinsames, pluralistisches Demokratieverständnis über die kulturellen und national(istisch)en Zugehörigkeiten hinweg.
Ein Angebot für die Ausgeschlossenen

Das männliche „Wir“-Narrativ à la Erdoğan bietet diesen Jugendlichen eine Identität, auch wenn sie konstruiert und künstlich ist. Die entsprechenden Botschaften und die Kriegspropaganda aus der Türkei erreichen sie täglich – und werden von ihnen unkritisch und unreflektiert aufgenommen. Wenn sie von anderen wegen ihrer Angriffe konfrontiert werden, erklären sie, dass sie trotz Staatsbürgerschaft und perfektem Deutsch für immer und ewig die Ausländer*innen bleiben werden. Ihre Orientierungslosigkeit bietet der rechtsextremen Propaganda einen fruchtbaren Boden.

Die in Österreich geborenen Jugendlichen übernehmen den Größenwahn des „Türkentums“ über die Grenzen hinweg. Demokratische Grundrechte haben darin offenbar keinen Platz. Deshalb attackieren sie marginalisierte Gruppen aus dem vermeintlichen „eigenen“ Kulturkreis: Kurd*innen, Alevit*innen und Frauen. Deren Rechte sind für sie Teil der „verdorbenen christlichen Fremde“, in der sie ihrer Meinung nach leben. Erst in der Gruppe scheinen sie ein Gefühl des Dazugehörens gefunden zu haben. In der Gruppe fühlen sie sich stark – aber schon eine Kundgebung gegen Gewalt an Frauen wird ihnen unerträglich und bedroht ihr männliches Machtgehabe.
Aggressiver Minderwertigkeitskomplex

Wir haben es also mit einem aggressiven Minderwertigkeitskomplex zu tun. Seine Wurzel ist eine konstruierte Identitäts-Legitimation, die sich auf die türkische Geschichte beruft. Sie beginnt in den Steppen Zentralasiens, geht über die Invasion Anatoliens bis hin zum Zerfall des Osmanischen Imperiums und zur Migration in die europäische Diaspora. Auch diverse Massaker, Genozide und Verleumdungen im Zuge der türkischen Nationalstaatsbildung vor gut hundert Jahren sind Teil dieser Legitimation.

Die türkische Staatsdoktrin verleiht ihnen den internationalen Privilegiertenstatus “Türke-Türkisch-Sunnitisch-Muslim-Mann”. Zur Verteidigung von Führer und Vaterland ist selbst weit entfernt von der Türkei jegliche Gewaltanwendung gerechtfertigt. Das zeigt sich auch in gewaltsamer Wut gegen Frauen.
Gegen Rassismus und Sexismus, egal woher

Vergangene Nacht konnten die selbsternannten „Wächter von Favoriten“ vor der österreichischen Öffentlichkeit ihre zweite Aktion in diesem Jahr durchführen. Zuvor richtete sich ihre Attacke gegen die 1.-Mai-Kundgebung am Keplerplatz. Diese Entwicklungen können nicht weiter ignoriert werden. Hinter ihnen steckt ein politisches Machtgefüge, das transnational agiert. Die jungen Männer sind nur vorgeschoben. Die Strukturen und Ideologien hinter ihnen reichen bis in die Türkei. Eine Verharmlosung der aktuellen Vorfälle wäre Verantwortungslosigkeit für die Zukunft.

Es braucht ein mutiges Vorgehen gegen jegliche Form von Rassismus, der Hand in Hand geht mit Sexismus – egal aus welcher Ecke dieser kommen mag. Jeder und jede von uns muss sich demokratisch einbringen und Verantwortung für die gemeinsame Zukunft übernehmen. Die Weltbilder, die eine männerdominierte Ideenwelt weiter stabilisieren, gehören aufgebrochen. Die Muster und Motivation für rassistische und sexistische Gewalt und Hetze sind stets gleich: Die Täter wollen das eigene Minderwertigkeitsgefühl und die damit verbundene Existenzangst kompensieren. So stark und mutig, wie sie selbst glauben, sind die jungen Rechtsextremen nämlich nicht.

gefunden auf mosaik-blog

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