Gefängnis Zoo

veröffentlicht am 8. Juli 2019

Die Notwendigkeit diesen Text zu schreiben drängte sich mir auf, als ich den Artikel «Neue Zoos; Arche oder Freizeitpark» in der Ausgabe 06 2019 des GEOs las. Dieser Artikel hat mir einige Dinge bewusst gemacht (namentlich das Töten junger, gesunder Tiere und der moralische Aspekt der Gefängnisse ohne Gitter), welche so nicht zu akzeptieren sind!

Er schwimmt im Becken hin und her
und träumt von Freiheit und vom Meer.
Er träumt von unbegrenzten Weiten,
wo Artgenossen ihn begleiten.
Er träumt, wie Meereswellen schäumen.
Ihm bleibt nichts übrig, als zu träumen,
denn er lebt in Gefangenschaft
im Delphinarium in der Haft.

Er träumt, wie seine Artgenossen
mit ihm einst aus dem Meere schossen
und glücklich ihre Sprünge machten,
als über ihnen Möwen lachten.
Er träumt von seiner Lieblingsbucht.
Er schwimmt im Kreis herum und sucht
im Becken, weil er Freiheit liebt,
ob’s irgendwo ´nen Ausgang gibt.

Dieses Gedicht von Alfons Pillach bezieht sich zwar nur auf Delfine, aber die selbe Gefangenschaft und Suche nach Freiheit gilt auch für alle anderen Tiere, die in Zoos leben. Mittlerweile ist es vielen, wenn auch noch nicht allen, Menschen bewusst, dass es für Delfine eine Qual ist, in Gefangenschaft zu leben. Trotzdem existieren Delphinarien immer noch.

In diesem Text möchte ich auf eine ähnliche, aber vielerorts tolerierte, oft sogar erwünschte Praktik eingehen: Das Einsperren und zur Schaustellen unserer Mitlebewesen. Denn nichts anderes geschieht in Zoos. Trotz den immer grösseren Gehegen mit immer raffinierteren Beschäftigungsmöglichkeiten, sind die Tiere eingesperrt. Sie können nur begrenzt selbst entscheiden wohin sie wollen, denn spätestens an der Käfiggrenze ist Schluss. Ein Gefängnis kann niemals Artgerecht sein, denn jeder Zaun, jedes Gitter, jede Scheibe schränkt zwangsläufig die Freiheit ein. Das geschieht einerseits räumlich, denn das Tier kann höchstens den Platz nutzen, der ihm vom Menschen gegeben wird, andererseits aber auch sozial: Das Tier kann nur mit den Lebewesen innerhalb seines Geheges interagieren, vielleicht noch mit ein paar wenigen ausserhalb, wenn zum Beispiel ein frei lebender Graureiher einem im Zoo gefangenen Seelöwen einen Fisch vor der Nase wegschnappt.

Wenn Umweltorganisationen wie der WWF Partner*innen von Zoos werden, signalisiert dies den Besucher*innen, dass dieser Artgerecht sei, in meinen Augen sehr problematisch, da dies aus obenstehenden Gründen niemals eintreten kann. Besucher*innen haben bei solchen Zoos fälschlicherweise ein gutes Gewissen.

Ebenfalls ein gutes Gewissen vermitteln moderne Zoos ohne sichtbare Absperrungen. Sie ersetzen sichtbare Barrieren wie Zäune, Gitter usw. durch fast nicht sichtbare Sperren wie Maschengitter, die mensch nur sieht, wenn sie direkt fokussiert werden, oder natürlich erscheinende Abgrenzungen wie Wassergräben, Felswände etc. Dies dient lediglich dem guten Gewissen der Besucher*innen. Denn das Tier ist in seiner Freiheit eingeschränkt, egal ob durch sichtbare oder nicht sichtbare Gefängnismauern. Zoos sind perfider geworden bzw. mussten es werden, denn heute würde kaum noch jemensch einen Zoo besuchen, in dem die Tiere hinter Eisengittern hocken. Dies würde bei den meisten Menschen eben jene Schuldgefühle, aber auch Mitleid auslösen. Vor allem aber bekommt ein Selfie mit einem Tier in seinem nahezu arteigenen Lebensraum ganz sicher mehr Likes, als eines mit einem Tier hinter Gittern. Die möglichst nicht sichtbaren Schranken zur Freiheit dienen also nur dem guten Gewissen der Besucher*innen und nicht dazu, dass die Tiere sich weniger eingesperrt fühlen. Denn eingekerkert ist und bleibt eingekerkert. Und mehr noch: die modernen Gehege schränken sie ein. Die sehr häufig nachtaktiven Tiere müssen nachts in ihr Innengehege, damit kein lebensmüder Mensch in die Umzäunung klettert. Einige Tiere konnten auch schon die natürlichen Begrenzungen überwinden, was teilweise zu einem tragischen Ende geführt hat: sie wurden erschossen.

Die Käfige der Tiere sind so ausgelegt, dass alles was nicht natürlich wirkt, nicht sichtbar ist, um den Besucher*innen zu vermitteln, sie könnten die Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum beobachten. Selbstverständlich ist alles in den Gehegen geplant und so angeordnet, dass die Tiere sich bevorzugt dort aufhalten, wo sie für die Besucher*innen gut sichtbar sind, denn wer in den Zoo geht, will die Tiere auch sehen.

Die Nachkommen sind eine weitere Problematik. Viele der Besucher*innen erfreuen sich am Anblick von Tierkindern, ausserdem macht Kinderlosigkeit die Tiere körperlich und seelisch krank. Durch Paarung und Aufzucht können die Tiere ihr vielleicht letztes, wirklich natürliches Verhalten in Gefangenschaft ausleben. Zudem ist es, zu Recht, verboten die Zoobestände durch Wildfänge aufzufrischen. Um Inzucht zu vermeiden und die genetische Vielfalt möglichst hoch zu halten tauschen Zoos ihre Tiere aus. Deshalb und um eine Überalterung zu vermeiden, werden die Tiere nur selten sterilisiert. (Wobei Sterilisation ebenfalls einen riesigen Eingriff in die Freiheit eines Lebewesens ist. Trotzdem werden ständig unsere (Haus-)Tiere sterilisiert.)
Allerdings gibt es zu viele Nachkommen. Denn anders als in freier Wildbahn gibt es keine natürliche Regulation durch Feinde, Krankheiten und ein begrenztes Nahrungsangebot. Der Nachwuchs kann auch nicht einfach an andere Zoos abgegeben werden, da diese mit der selben Problematik zu kämpfen haben. Ebenfalls können sie nur selten ausgewildert werden: schon zu sehr an die Menschen gewöhnt, dauert zu lange, zu teuer... Was passiert also mit diesen «überzähligen» Jungtieren? Die traurige Wahrheit: Sie werden getötet. Meist kurz vor der Geschlechtsreife, also jung und bei bester Gesundheit.
Werden die Tiere dann zoointern verfüttert, kommt das schizophrene Verhältnis der Menschen zu den Tieren und zur Natur zu Tage: werden zum Beispiel Küken an Krokodile verfüttert, ist es eklig, Kinder sollten dies, nach Meinung einiger Eltern, am besten gar nicht sehen, zugleich werden aber Chicken Nuggets in der Mittagspause mit grösstem Entzücken verspeist.
Ebenfalls paradox: Früher mussten sich Wildtiere, die in Freiheit geboren und ihrem Habitat plötzlich entrissen worden waren, sich mit einem Leben in sterilen Käfigen abfinden, heute schreiten ihre in Gefangenschaft gezeugten Nachfahren durch Attrappen ihrer Heimat, die sie höchstwahrscheinlich niemals in Natura zu sehen bekommen werden.

Alle Tiere, nicht nur der Delfin in Pillachs Gedicht, können nur davon träumen, bis wir das, was ihnen rechtmässig zusteht, zurückgeben: die Freiheit.

Lasst uns gemeinsam gegen die Gefängnisse dieser Welt vorgehen! Boykottieren wir Zoos und alle anderen Institutionen, in denen Lebewesen gefangen gehalten werden!