"Krankheit und Kapital" - Alfredo M. Bonanno

veröffentlicht am 28. August 2020

Krankheit, sprich das fehlerhafte Funktionieren eines Organismus, betrifft nicht nur den Menschen. Tiere werden auch krank, und sogar Dinge können in ihrer eigenen Art und Weise Fehler in der Funktionalität zeigen. Die Idee von Krankheit als Abnormalität ist ein Klassiker, der von der Medizinwissenschaft entwickelt wurde.

Die Antwort auf Krankheit, hauptsächlich dank der positivistische Ideologie, die nach wie vor die Medizin heutzutage dominiert, ist die der Heilung, d.h. eine externe Intervention, ausgewählt aus bestimmten Methoden, darauf abzielend eine angenommene Idee von Normalität wiederherzustellen.
Jedoch wäre es ein Fehler anzunehmen, dass die Suche nach der Ursache der Krankheit gleich dem Bedürfniss dieser Wissenschaft wäre, die Normalität wiederherzustellen. Seit Jahrhunderten waren Heilmittel nicht das Selbe, wie die Suche nach der Ursache, welche bisweilen phantastisch war. Heilmittel folgten ihrer eigenen Logik, besonders wenn sie auf dem empirischen Wissen über die Kräfte der Natur basierten.

In gegenwärtigeren Zeiten fußte eine Kritik an dem Sektirertum der Wissenschaft, inklusive der Medizin, auf einem ganzheitlicheren Bild des Menschen: eines Wesen bestehend aus verschiedenen natürlichen Elementen - intellektuel, ökonomisch, sozial, kulturell, politisch und so weiter. Es ist diese neue Perspektive, in die sich die materialistische und dialektische Hypothese des Marxismus selbst einfügte. Die verschiedenen beschriebenen Aspekte des neuen, echten Menschen, nicht weiter gespalten in die verschiedenen Sektoren, an die uns der alte Positivismus gewöhnt hat, wurde von Neuem in einen einseitigen Determinismus durch die Marxist_innen verkapselt. Kapitalismus wurde folgich als alleinige Ursache von Krankheit gesehen, durch die Entfremdung des Menschen durch Arbeit, setze er ihn_ihr einer verzerrten Beziehung zur Natur und "Normalität" aus, der anderen Seite von Krankheit.

Unserer Meinung nach ist weder die positivistische These, dass Krankheit durch eine Fehlfunktion des Organismus entsteht, noch die marxistische, die alles auf die Missetaten des Kapitalismus schiebt, ausreichend.

Die Dinge sind etwas komplizierter als das.

Grundsätzlich können wir nicht sagen, dass solche Dinge wie Krankheit in einer befreiten Gesellschaft nicht existieren würden. Noch können wir sagen, dass sich Krankheit in einer glücklichen Fügung zu einer einfachen Schwächung einer hypothetischen Kraft, die noch entdeckt werden muss, reduzieren könnte. Wir glauben, dass Krankheit ein natürlicher Teils des Lebens in einer Gesellschaft ist, sprich sie geht einher mit dem Preis der gezahlt werden muss, um die optimalen Bedingungen der Natur anzupassen, um die künstlichen Notwendigkeiten zu erreichen, die notwendig sind um selbst die freieste aller Gesellschaften zu erbauen. Sicherlich wäre das exponentielle Wachstum von Krankheit in einer Gesellschaft, in der die Künstlichkeiten zwischen Individuen auf das absolut Notwendigste reduziert wären, nicht vergleichbar mit dem einer Gesellschaft, die auf Ausbeutung basiert, wie der in der wir gerade leben. Daraus geht hervor, dass der Kampf gegen Kranheit ein grundsätzlicher Teil des Klassenkampfes ist. Nicht so sehr das Krankheit durch den Kapitalismus verursacht wird - das wäre eine deterministische und daher unakzeptierbare Aussage - sondern weil eine freiere Gesellschaft anders wäre. Selbst in ihrer Negativität wäre sie näher am Leben, daran ein Mensch zu sein. Daher wäre Krankheit ein Ausdruck unser Menschlichkeit, genauso wie sie heutzutage ein Ausdruck unserer Unmenschlichkeit ist. Deswegen haben wir nie mit der etwas vereinfachenden Aussage, die zusammengefasst werden kann als "mache Krankheit zu einer Waffe" übereingestimmt, selbst wenn sie Respekt verdient, besonders in Anbetracht von psychischer Krankheit. Es ist nicht möglich dem Patienten ein Heilmittel vorzuschlagen, das ausschließlich auf dem Kampfe gegen den Klassenfeind basiert. Hier wäre die Vereinfachung absurd. Krankheit bedeutet auch Leid, Schmerz, Verwirrung, Unsicherheit, Zweifel, Einsamkeit und diese negativen Elemente reduzieren sich nicht nur auf den Körper, sondern greifen auch das Bewusstsein und den Willen an. Programme des Kampfes auf solch einer Grundlage aufzuziehen, wäre ziemlich unrealistisch und erschreckend unmenschlich.

Aber Krankheit kann zu einer Waffe werden, wenn mensch sie sowohl in ihren Ursachen, als auch in ihren Auswirkungen versteht. Es kann für mich wichtig sein, wenn ich die äußeren Ursachen für meine Krankheit verstehe: Kapitalist_innen und Ausbeuter_innen, Staat und Kapital. Aber das ist nicht genug. Ich muss auch mein Verhältnis zu meiner Krankheit klarstellen, welches nicht nur Leid, Schmerz und Tod sein mag. Es mag auch eine Möglichkeit sein, sowohl mich und andere besser zu verstehen, als auch die Realität, die mich umgibt und was getan werden muss, um sie zu verändern, und auch um ein besseres Verständis revolutionärer Auswege zu bekommen. Die Fehler die in der Vergangenheit in diesem Bereich gemacht wurden, kamen von einer fehlenden Klarheit, durch die marxistische Interpretation. Diese basierte auf der Behauptung ein direkte Beziehung zwischen Krankheit und Kapitalt herzustellen. Wir denken heutzutage, dass diese Beziehung indirekt sein sollte, sprich durch das Bewusstwerden von Krankheit, nicht Krankheit im Allgemeinen als ein Zustand der Abnormalität, sondern von meiner Krankheit als ein Teil meines Lebens, ein Element meiner Normalität.

Und dann der Kampf gegen diese Krankheit. Selbst wenn nicht alle Kämpfe im Sieg enden.

Alfredo M. Bonanno

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