Objektiven Journalismus gibt es nicht

veröffentlicht am 30. Juni 2019

Wenn Frauen, queere Menschen und People of Color öffentlich über Diskriminierung berichten, kommt immer wieder der Vorwurf, das sei ja nur eine persönliche Erfahrung und gar nicht objektiv. Wenn alte weiße Männer sich hingegen von dem Begriff „alte weiße Männer“ angegriffen fühlen, hört man dieses Argument selten. Objektivität wird immer noch als DER Standard für guten Journalismus gesehen. Aber ist das überhaupt noch zeitgemäß?
Fünf Gründe, warum wir neue Messlatten für journalistisches Handwerk brauchen.

1. Objektivität ist ein Konzept aus dem 18. Jahrhundert. In Zeiten der Aufklärung in Europa war das mal eine relativ progressive Idee, um die Macht der Kirche infrage zu stellen. Mit dem Ideal der Objektivität ging aber auch eine Trennung von Emotionalität und Rationalität, von Körper und Geist, einher. Alles, was mit Emotionen, Körper und Subjektivität zu tun hatte, wurde dabei abgewertet, rationales Denken wurde aufgewertet. Dabei war schnell klar, wer zu diesem rationalen Denken in der Lage war und wer angeblich nicht; wessen Weltsicht als die „objektive Wahrheit“ gelten konnte und wessen nicht. In der Französischen Revolution zum Beispiel wurde für die Ideale der Aufklärung gekämpft. Was dabei herauskam, war unter anderem eine „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ – nur für Männer. Als Olympe de Gouge sich für die gleichen Rechte für Frauen einsetzte, landete sie unter der Guillotine. Das Stereotyp der emotionalen Frau – gerne auch mal als „überempfindlich“ abgestempelt, wenn sie sich gegen Sexismus auflehnt – existiert bis heute.

2. Die Trennung von Geist und Körper, die mit dem Ideal der Objektivität einherging, betraf aber nicht nur Genderstereotype. Der europäische Kolonialismus wurde unter anderem damit gerechtfertigt, dass die Kolonisierten nicht in der Lage seien, sich selbst zu regieren. Ihnen wurde zum Beispiel eine ungezügelte Sexualität und Gewalt gegen Frauen zugeschrieben. Rationales Denken und selbstbeherrschtes Handeln hingegen beanspruchten die Europäer*innen für sich allein. Sie stellten es so dar, als täten sie den Kolonisierten quasi einen Gefallen damit, dass sie ihre Länder besetzten und schlugen daraus eine Unmenge an Profit. Immer noch wird Schwarzen Menschen eher zugetraut, tolle Tänzer*innen zu sein als brilliante Ingenieur*innen. Die aufklärerische Trennung von Körper und Geist hat reale Konsequenzen: So haben es Schwarze Menschen in Deutschland immer noch schwerer auf dem Arbeitsmarkt.

3. Objektivität ist ein Instrument in der Hand der Mächtigen. Wann immer eine betroffene Person zum Beispiel über Rassismus spricht, spielt irgendeine weiße Person die Trumpf-Karte: „Das ist ja nur deine subjektive Erfahrung!“. In einer Gesellschaft, in der Objektivität derart gewertschätzt und Subjektivität abgewertet wird, ist das gleichbedeutend mit: „Was du sagst, hat keine Bedeutung“. Es ist ein effektives Mittel, um Betroffene von Unterdrückung und Diskriminierung zum Schweigen zu bringen.

4. Wenn wir eine Gesellschaft mit mehr Gleichheit und weniger Unterdrückung wollen, brauchen wir eine Öffentlichkeit für genau diese subjektiven Erfahrungen. Je mehr unterschiedliche, desto besser. Nichts hilft mehr dabei, offen und aufmerksam zu sein, das eigene Verhalten und die eigenen Privilegien zu reflektieren, als von einer betroffenen Person direkt zu erfahren, was Unterdrückung für sie bedeutet. Wir brauchen mutige Trans*personen, die öffentlich darüber sprechen, wie scheiße es sich anfühlt, ständig mit dem falschen Pronomen angesprochen zu werden. Es ist das wirksamste Mittel, damit Cis-Menschen checken, wie oft sie selbst schon eine Trans-Person falsch gegendert haben und es in Zukunft weniger tun. Und ja, wir brauchen auch die subjektiven Erfahrungen von weißen cis-Männern, wie man eigentlich den Alltag meistert, wenn man nie gelernt hat, zu weinen und über Gefühle zu sprechen.

5. Niemand kann zu 100 Prozent objektiv sein. Wir alle sind von bestimmten Lebenserfahrungen geprägt und haben – hoffentlich! – unsere eigene politische Meinung. Auch Journalist*innen: Niemand, dem Politik, Gesellschaft und das Weltgeschehen egal sind, sucht sich diesen Job aus. Jeden Tag müssen wir als Journalist*innen Entscheidungen treffen, bei denen es Für- und Gegenargumente aber kein objektives Richtig oder Falsch gibt: Über welche Themen berichten wir und über welche nicht? Schreiben wir „Lebensschützer*innen“ oder „Abtreibungsgegner*innen“? Gendern wir mit Sternchen oder benutzen wir nur das generische Maskulinum? In all diesen Entscheidungen wird immer auch unsere politische Haltung und unsere persönliche Lebenserfahrung einfließen. Besser, wir reflektieren sie und stehen zu ihr, als zu tun, als sei unsere Entscheidung die eine objektiv richtige.

Natürlich ist es weiterhin unsere Aufgabe als Journalist*innen, aufzuklären, zu informieren und unserem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich möglichst frei seine eigene Meinung bilden zu können. Es gehört zu unserem Handwerk, gründlich zu recherchieren, die Geschehnisse in ihren Kontext einzuordnen und, wenn wir mal unsere Meinung sagen, sie gut zu begründen. Es gibt aber Standards, die uns besser dabei helfen können, als Objektivität. Zum Beispiel Diversität in den Redaktionen. Je mehr unterschiedliche Lebenserfahrungen und Perspektiven in den Medien arbeiten, desto weniger laufen wir Gefahr, bestimmte Perspektiven systematisch zu übergehen.

Ein Qualitätsstandard, der uns individuell zu besseren Journalist*innen machen würde: Uns selbst, unseren Interviewpartner*innen und den gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber kritisch zu bleiben. Wir können immer wieder hinterfragen, welche Perspektive wir nicht berücksichtigt haben und warum. So kann am Ende ein differenzierter Artikel mit einer gut begründeten Haltung herauskommen. Das hilft den Leser*innen auf jeden Fall mehr, als ihnen Objektivität vorzugaukeln.

Quelle:
https://www.supernovamag.de/objektivitaet-journalismus