Hände an das Schießpulver – von Gustavo Rodriguez

veröffentlicht am 28. August 2020

Direkte Solidarität mit inhaftierten Anarchist*innen

–Gabriel Pombo Da Silva, Dinos Giagtzoglou, Alfredo Cospito, Anna Beniamino, Nicola Gai, Marco Bisesti, Christos Rodopoulos, Lisa Dorfer, Michael Kimble, Eric King, Monica Caballero, Francisco Solar und allen anarchistischen Gefährt*innen in Gefängnissen auf der ganzen Welt.

„Für mich wählte ich den Kampf […] Ich stellte mich der Gesellschaft mit den gleichen Waffen, ohne den Kopf zu beugen…“
Severino Di Giovanni

„Die Verbrennung von Atheisten, die Verurteilung von Homosexuellen oder Inzestopfern, die Absonderung von „Verrückten“ und die Inhaftierung von Gesetzlosen sind nur verschiedene Arten der Integration und Unterdrückung all derer, die über die von der Norm gesetzten Grenzen hinausgehen […].
Gefängnisse, Pflegeheime, demokratische Therapien und orthopädische Behandlungen sind nur verschiedene Arten, den gleichen Glauben an ein Modell anzuwenden“.
Canenero, Nummer 3, 11. November 1994

Dieinternationale Woche der Solidarität mit anarchistischen Gefangenen ist das Ergebnis der Bemühungen mehrerer Gruppen des Anarchist Black Cross/Cruz Negra Anarquista (ABC/CNA), die sich dazu entschlossen haben, ein Datum der Solidarität für unsere vom Staat entführten Gefährt*innen in den Kalender aufzunehmen. Seit dem Sommer 2013 bietet uns diese lobenswerte Initiative die Gelegenheit, unsere bedingungslose Unterstützung zu zeigen und eine starke Botschaft an den Feind zu senden, um zu bekräftigen, dass unsere Brüder* und Schwestern* nicht allein sind. In diesem Jahr können wir diese Anstrengung darüber hinaus dem Gefährten Stuart Christie widmen, der uns gerade verlassen hat.
Als unermüdlicher Verbreiter des anarchistischen Kampfes und Architekt der Wiederauferstehung des ABC/CNA in den 1960er Jahren, förderte Stuart die Solidarität mit unseren Gefangenen innerhalb jenes widrigen Szenariums, das sie durch die Vormachtstellung der marxistischen Vulgata [übers. lateinische Version der Bibel] unsichtbar machte, indem ihre Kämpfe nicht von dieser sehr mächtigen Unterstützungs-Maschinerie ad infinitum – mit dem Hauptquartier in Moskau und Zweigstellen in Havanna -, Verstärkung bekamen und die ihre strategischen Verbündeten nur als „politische Gefangene“1 oder „Kriegsgefangene“2 anerkannte und jede andere Aktion, die nicht in der Logik des „Kalten Krieges“ und der aus den Spionageabwehrbüros des sogenannten „real existierenden Sozialismus“ finanzierten Operationen angesiedelt war, zur Ächtung verurteilte.

Aus diesem Grund begrüße ich die Tatsache, dass an diesen Tagen der Solidarität unsere begrenzten Ressourcen spezifisch auf anarchistische Gefangene gerichtet werden, und jene Liste der Autoritären, Nationalist*innen, Frauenhasser, Homophoben, Spitzel und fundamentalistischen religiösen Führer „abzutrennen“, zu denen oft einige wohltätige und liberale Christen auf Steroiden gehören, die in unseren Läden hocken. Bei dieser Gelegenheit listen wir anarchistische Gefährt*innen – oder antiautoritäre Personen, die den Vorstellungen/Ideen des anarchistischen Kampfes nahe stehen – auf, die in den Kerkern der Herrschaft eingesperrt sind. Daraus ergibt sich die Bedeutung dieser neuen Woche der Solidarität dreiundneunzig Jahre nach der juristischen Ermordung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, Gefährten, die bis zu den letzten Konsequenzen unbeugsam blieben.

Kontextbezogene Anmerkungen

Die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren schwierige Jahre für anarchistische Aktionen, die durch das Vorrücken totalitärer Kräfte und die unerbittliche Jagd ihrer Agent*innen gekennzeichnet waren. In der beginnenden Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) wurde der rote Faschismus durch Blut und Feuer mit Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) an der Spitze durchgesetzt; am italienischen Stiefel dominierte der Faschismus seit 1922 mit Benito Amilcare Andrea Mussolini als Duce der Italienischen Sozialrepublik; auf der Iberischen Halbinsel konsolidierte sich der Faschismus spanischer Prägung nach dem Staatsstreich des katalanischen Generalkapitäns Miguel Primo de Rivera im Jahr 1923; In Deutschland wurde die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) gegründet, die sofort die Unterstützung der deutschen Arbeiter*innen und Bäuer*innen gewann, die durch Rassismus und Patriotismus motiviert waren; in Portugal wich die Militärdiktatur dem Estado Novo von Antonio de Oliveira Salazar; in Polen wurde die Diktatur von Józef Klemens Piłsudski gegründet und in Österreich der Austrofaschismus unter Engelbert Dollfuß; Ereignisse, die einen düsteren Ausblick auf die Entwicklung unserer Kämpfe gaben.

Doch trotz der ungünstigen Bedingungen, gewann unter den informellen Gruppen und anarchistischen Individuen der damaligen Zeit, der Wunsch nach einer Neuorganisation einer anarchistischen internationalen Koordination – inspiriert von der mythischen Schwarzen Internationale von 1881 -, die der Anarchie den Aufstandsimpuls zurückgeben und die Ausbreitung des Krieges gegen jegliche Autorität fördern würde, an Schwung. Sacco und Vanzetti sind nur einige Namen aus dieser hartnäckigen Bande, die alles tat, um diesen Traum wahr werden zu lassen. Über die ganze Welt verbreitet, gelang es vielen dieser Gefährt*innen, eine internationale Koordination zu artikulieren, die die Propaganda der Tat wieder konkret werden ließ. Zu diesem Zweck zogen Nicola und Bartolomeo in den ersten Monaten des Jahres 1917 in den Norden Mexikos, mit der Absicht, sich dem anarchistischen Aufstandskampf anzuschließen. Sie würden bald enttäuscht werden und die mexikanische „Revolution“ als einen geschwistermörderischen Kampf zwischen rivalisierenden Seiten um die Kontrolle des Staates identifizieren. Zurück in den USA würden sie sich der Gruppe italienischer Anarchist*innen anschließen, die sich um die Zeitung Cronaca Sovversiva scharten, wo sie ebenfalls aktiv mitarbeiten würden. Diese spezielle Gruppe würde mit den Enteignungen und ihren Propagandaaktionen durch die Tat auf dem gesamten amerikanischen Territorium Geschichte schreiben.

Die gewaltsamen Aktionen dieser Gefährt*innen führten dazu, dass sie zur am meisten verfolgten anarchistischen Gruppe durch die Bundesbehörden der Vereinigten Staaten wurden. Die Anpassung der Geschichte – und zwar nicht nur der „offizielle“ Geschichte, sondern auch der Geschichtsschreibung libertärer Natur – brachte jedoch ihre Handlungen und ihre theoretischen Beiträge zum Schweigen. Der „legalistische Anarchismus“ würde dafür sorgen, Sacco und Vanzetti eine falsche Geschichte zu liefern, indem er sie zuerst zu „Opfern“ und dann zu „Märtyrern“ machte, um sie schließlich wie zuvor die Anarchisten von Chicago heiligzusprechen: „Die Märtyrer von Chicago“.

Mit Ausnahme der Beiträge des Historikers Paul Avrich – der sich mit den anarchistischen Aktivitäten jener Zeit befasste – und eines Essays von Alfredo Bonanno besteht die übrige Literatur in diesem Fall darauf, dass die Gefährten Sacco und Vanzetti „unschuldig“ waren und bestreitet, dass sie an der Enteignung von South Braintree beteiligt waren, wofür sie am Ende zum Tode verurteilt werden sollten.

Die Enteignungen waren Teil des konsequenten Vorgehens der Gruppe, an der Sacco und Vanzetti beteiligt waren. Zu dieser Zeit gab es unzählige Enteignungen. Die gesammelten Gelder wurden verwendet, um den Gefangenen und ihren Familien zu helfen, anarchistische Propaganda zu drucken und Angriffe – so genannte Vergeltungsangriffe – gegen Vertreter*innen der Macht zu finanzieren.

Die Ermordung von Sacco und Vanzetti in Massachusetts würde der Auslöser für die anarchistischen Aktionen von 1927 sein. In Havanna, Montevideo und Buenos Aires explodierte als Reaktion auf das Verbrechen des Staates Dynamit. Das Geld aus einer Enteignung in Paterson wurde zu Nitroglyzerin umgewandelt, wodurch das italienische Konsulat in Buenos Aires zerstört wurde; die Gelder aus einem neuen Raubüberfall in Los Angeles wurden zum Rohmaterial, das für den gewaltigen Bombenanschlag auf das Hauptquartier von J.P. Morgan im Herzen der Wall Street benötigt wurde; der Inhaftierung und Folter von Gefährt*innen in jeder Stadt der Welt sollte eine bereits zuvor zugesicherte zeitnahe Vergeltung folgen, dort wo der Feind es am wenigsten erwartete. Internationale Solidarität war wieder einmal eine Realität, die über Worte hinausging!

Gutturale Splitter

Vom 23. bis 30. August werden wir erneut die Gelegenheit haben, die Lebensgeschichten hinter dem anarchistischen Kampf sichtbar zu machen und – ohne die Opferrolle – die täglichen Misshandlungen anzuprangern, denen unsere Gefährt*innen ausgesetzt sind. Diese sieben Tage des Anti-Gefängnis-Aktivismus sind jedoch nur ein symbolischer Akt, der versucht, das Bewusstsein über die Situation inhaftierter Anarchist*innen zu verbreiten. Aus der Perspektive der informellen und aufständischen anarchistischen Strömung sind die 365 Tage des Jahres der direkten Solidarität mit denjenigen gewidmet, die inhaftiert sind, weil sie den Kampf gegen die Macht in allen Ecken des Planeten vorantreiben.

Deshalb beziehen wir uns, wenn wir erklären, dass anarchistische Solidarität mehr als nur Worte sind, nicht nur auf unsere Kompliz*innen in ihren Kämpfen und auf die wirtschaftliche und emotionale Unterstützung unserer Gefangenen, sondern wir bekräftigen auch die Grundlagen unseres Kampfes. Natürlich gibt es keine angemessenere Unterstützung für unsere inhaftierten Gefährt*innen als die Koordinierung ihrer Flucht oder die Sprengung des Busses, der die Gefangenen transportiert, aber wir haben nicht immer die Mittel für diese spektakulären Aktionen; dennoch gibt es viele Möglichkeiten, unsere Unterstützung zu zeigen und Solidarität mit Fantasie zu konkretisieren. Es gibt unendlich viele Aktionen, die geeignet sind, den Gefängniskomplex zu stören, und diese Aktionen bedürfen nur einer geringen vorherigen Untersuchung, um durchgeführt werden zu können. Natürlich wird jeder Angriff auf das Herrschaftssystem jenseits der Symbole ihnen immer Freude bereiten, indem er den Geruch von Schießpulver und dessen Auswirkungen heraufbeschwört.

Das Gefängnis ist eine ständige Möglichkeit für diejenigen von uns, die sich selbst für unerbittliche Anarchist*innen halten. Eine versteckte Bedrohung auf jeder Stufe der Praxis. Wenn wir uns jedoch dieser gefährlichen Tatsache stellen müssen, bedeutet dies nicht das Ende unseres Krieges gegen die Herrschaft, sondern den Beginn eines neuen Kampfes voller täglicher Schlachten, die, um sie zu schlagen – und physisch und emotional zu überleben – die gelegentliche Hilfe unserer Gefährt*innen von außen erfordern. Das Gefängnis ist nicht der mythische Ort, von dem humanistische Liberale phantasieren. Es gibt am Zustand der Gefangenen nichts zu verherrlichen. Die hohen Mauern sind kein Zuhause für angehende Aufständische oder unverfälschte Antiautoritäre. Hinter dem Stacheldraht befindet sich ein zerbrochener und eingesperrter Spiegel, der die Gesellschaft als Ganzes widerspiegelt. Das „Innere“ beherbergt die gleiche Fauna von Karrierist*innen, Autoritarist*innen, Misshandlern, Religiösen, Informant*innen, Moralist*innen, Korrupten und Vergewaltigern, Hand in Hand mit einem Anteil freiwilliger Knechtschaft, der identisch ist mit dem, was man tagtäglich draußen vorfindet. Gerade in diesem feindseligen Umfeld, in dem man der Staatsbestie von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, muss man überleben, indem man Bande der Verbundenheit webt, nicht auf der Grundlage ideologischer Annahmen, sondern in konsequenter und widerstandsfähiger Praxis, und dafür ist es unerlässlich zu wissen, dass wir nicht im Stich gelassen wurden und dass jeder Angriff auf dieses Herrschaftssystem eine Widmung aus mit Schwefel und Kaliumnitrat getränkten Kehlkopfsplittern mit sich bringt. Schließlich ist alles, was wir tun können, Schießpulver in die Hände zu bekommen und Solidarität zu zeigen, indem wir die Anarchie zum Leben erwecken.

Gustavo Rodriguez,
Planet Erde, 17. August 2020


1. Laut Carl Aage Norgaard, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission für Menschenrechte: „Ein politischer Gefangener ist eine Person, die wegen ihrer politischen Überzeugungen und Aktivitäten inhaftiert ist“. Der Begriff wird regelmäßig verwendet, um politisch grenzüberschreitendes Verhalten zu qualifizieren, das aus politischen Gründen begangen wurde. Wenn diese Verstöße gegen den Staat oder die Verfassung ohne Anwendung von Gewalt begangen wurden, wird einer Person in der Regel zugeschrieben, dass sie ein „Gefangener aus Gewissensgründen“ im Sinne der Definition von Amnesty International ist: „Eine Person, die wegen ihrer politischen, religiösen oder anderen Überzeugungen aus Gewissensgründen sowie wegen ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Sprache, ihrer nationalen oder sozialen Herkunft, ihres Vermögensstatus, ihrer Geburt, ihrer sexuellen Orientierung oder anderer Umstände inhaftiert oder anderweitig körperlich festgehalten wird, vorausgesetzt, dass sie nicht auf Gewalt zurückgegriffen oder deren Anwendung befürwortet hat“.

2. Artikel 4 der Dritten Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen von 1949 definiert einen Kriegsgefangenen als „eine Person, die einer der folgenden Kategorien angehört und in die Hände des Feindes gefallen ist: 1. die Angehörigen der Streitkräfte einer Konfliktpartei und die Mitglieder von Milizen und Freiwilligenkorps, die zu diesen Streitkräften gehören; 2. Angehörige anderer Milizen und Freiwilligenkorps, einschließlich solcher organisierter Widerstandsbewegungen, die einer Konfliktpartei angehören und in oder außerhalb ihres eigenen Territoriums operieren, auch wenn dieses Territorium besetzt ist, vorausgesetzt, dass diese Milizen oder Freiwilligenkorps, einschließlich solcher organisierter Widerstandsbewegungen, die folgenden Bedingungen erfüllen (a) sie werden von einer Person befehligt, die für ihre Untergebenen verantwortlich ist; (b) sie haben ein festes, aus der Ferne erkennbares Unterscheidungszeichen; (c) sie tragen ihre Waffen in Sichtweite; (d) sie führen ihre Operationen in Übereinstimmung mit den Gesetzen und Gebräuchen des Krieges durch; (3) Mitglieder der regulären Streitkräfte, die den Anweisungen einer Regierung oder Behörde folgen, die nicht von der festhaltenden Macht anerkannt ist; (4) sie haben ein festes Unterscheidungszeichen, das aus der Ferne erkennbar ist; (5) sie führen ihre Operationen in Übereinstimmung mit den Gesetzen und Gebräuchen des Krieges durch. Personen, die den Streitkräften folgen, ohne tatsächlich ein integraler Bestandteil der Streitkräfte zu sein, wie zivile Mitglieder der Besatzungen von Militärflugzeugen, Kriegsberichterstatter, Lieferanten, Mitglieder von Arbeitseinheiten oder von Diensten, die für das Wohlergehen der Angehörigen der Streitkräfte verantwortlich sind, vorausgesetzt, dass sie von den Streitkräften, die sie begleiten, eine Genehmigung erhalten haben und dass diese verpflichtet sind, ihnen zu diesem Zweck einen Personalausweis nach dem beigefügten Muster auszustellen; 5. Die Besatzungsmitglieder, einschließlich der Kapitäne, Piloten und Kajütenjungen der Handelsmarine und der Besatzungen der Zivilluftfahrt der Konfliktparteien, die nicht in den Genuß einer günstigeren Behandlung aufgrund anderer Bestimmungen des Völkerrechts kommen; 6. die Bevölkerung eines nicht besetzten Gebietes, die bei Annäherung des Feindes spontan zu den Waffen greift, um gegen die einfallenden Truppen zu kämpfen, ohne die Zeit gehabt zu haben, sich zu einer regulären Streitmacht zu konstituieren, wenn sie in aller Öffentlichkeit Waffen trägt und die Gesetze und Gebräuche des Krieges respektiert“. Verfügbar unter: https://www.icrc.org/es/doc/resources/documents/treaty/treaty-gc-3-5tdkwx.htm (abgerufen am 16.8.2020). Die sogenannten „aufständischen Armeen“ und leninistischen Guerillagruppen haben den Begriff mit dem Zusatz „diejenigen Personen, die inhaftiert wurden, weil sie den gesetzlichen Rahmen gebrochen haben, indem sie einem Staat öffentlich den Krieg erklärt haben und für einen revolutionären politischen Strukturwandel des Staates kämpfen“ ergänzt.

Übernommen vom ABC Wien

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