An den Gefährten im Nirgendwo

veröffentlicht am 12. September 2019

Lieber Freund,

Es sind schon mehr als drei Jahre vergangen, seit du von einem auf den anderen Tag verschwinden musstest.

Damals gab es keine Zeit mehr für letzte Worte oder eine Umarmung vor deiner Reise ins Ungewisse, jedoch blieb ein Gefühl der Überforderung, Trauer sowie eine Ungewissheit, wie mit all den tausenden von Fragen umzugehen ist, zurück. Dein erster Brief aus dem Nirgendwo durchbrach das Schweigen, das uns in den ersten Wochen umgab, deine weiteren Briefe voller Kraft, Liebe und Zuversicht, eröffneten eine Debatte und einen Austausch unter einigen Gefährt*innen. Es wurden Texte zum Thema Klandestinität aus vergangenen Zeiten gelesen, es gab kleine wie grosse Debatten und Auseinandersetzungen, die jedoch selten weitere interessierte Menschen miteinbezogen. Es war nicht einfach, aber notwendig, dies zu durchbrechen und deshalb entschieden wir uns, in Form einer Infoveranstaltung unsere Auseinandersetzung mit dem Thema öffentlich zu teilen und an diversen Orten im deutschsprachigen Raum eine Diskussion anzuregen.

Soviel Zeit ist vergangen und soviel Auseinandersetzungen haben wir geführt, bis uns klar wurde, wie grundsätzlich wichtig es ist, diesen Brief zu schreiben. Bis wir begriffen haben, dass es eine falsche Bescheidenheit war, die uns vom Schreiben abgehalten hat. Natürlich ist es schwierig, dir im Wissen zu schreiben, dass alle, die irgendein Interesse daran haben, mitlesen können, aber was ist das schon, verglichen mit der Freude, dass dich diese Worte über den Äther erreichen; wir durch öffentliche Briefe eine Freundschaft aufrecht erhalten und stärken können.

Wir sind noch da und du bist in unserem Leben und unseren Kämpfen präsent, mit deiner schönen und energischen Art, an die wir uns gerne erinnern. Eine enge und kämpferische Beziehung wurde uns von einem auf den anderen Moment entrissen und auch wenn es durch die herrschenden Umstände und die physische Trennung nicht einfach ist, diese Beziehung aufrecht zu erhalten, wollen wir dies versuchen…

Vieles hat sich in den letzten drei Jahren verändert, die Repression wurde um einiges präsenter in unserem Alltag, sowie auch die Auseinandersetzung mit Knast und Flucht. Schöne wie auch schmerzhafte Auseinandersetzungen, Gefährt*innen, die für länger oder kürzer im Knast waren, sind oder bald gehen müssen, Projekte wurden beendet und neue entstanden, Kämpfe intensivierten und andere verflüchtigten sich. Es wurden neue Freundschaften im Kampf gegen die Herrschenden geknüpft und alte vertieft, und Phasen der Ohnmacht wurden durch neue Inspirationen und Ideen überwunden.

Die Auseinandersetzung mit der Klandestinität brachte viel Licht ins Dunkel und uns ein Stück weit näher an deine Situation. Zudem eröffnete sich eine neue Welt der Möglichkeiten, wie Kämpfe aus der Klandestinität weitergeführt und intensiviert werden können, aber auch wie Menschen in der Klandestinität von den Sichtbaren unterstützt werden können. Daraus entstand das Bedürfnis und die Notwendigkeit das Thema in unserem Kontext wieder sichtbarer zu machen und über Klandestinität als reale Option zu diskutieren, als Alternative zu Knast und/oder als Möglichkeit, aus dem Untergrund gegen diese Welt der Unterdrückung zu kämpfen.

Wir machten viele schöne Erfahrungen auf der Tour mit unserem Vortrag, vertieften die Auseinandersetzung und Debatten mit Menschen an verschiedenen Orten und schlossen neue Beziehungen. Wir trafen Menschen, die aus vergangenen Erfahrungen erzählten und tauschten uns über aktuelle Geschehnisse aus. Wir wurden auf vielen Ebenen neu inspiriert und machten unsere Überlegungen für andere zugänglich. Auch die Bedeutung von Solidarität wurde uns in der vergangenen Zeit bewusster. Dass ein zurückgelassenes Umfeld sich gegenseitig auffangen, unterstützen und stärken muss, dass es wichtig ist, Momente zu schaffen um mit Freund*innen über unsere Emotionen zu sprechen, sowie sich gegenseitig im Alltag zu unterstützen und Projekte und Kämpfe weiter zu führen.

Wir wollen an dieser Stelle unsere Solidarität dir gegenüber ausdrücken. Eine Solidarität die keine zeitliche Begrenzung haben soll, ganz egal, ob du weg bleibst oder (durch welche Umstände auch immer) du zurückkehren solltest.

Solidarität mit allen untergetauchten und gefangenen Gefährt*innen, die für eine herrschaftsfreie Welt kämpfen. Auf dass wir gemeinsam bestehende Kämpfe intensivieren und neue anzetteln, um die Grenzen und Mauern der Autoritäten nieder zu reissen.

Wir kämpfen weiter, Seite an Seite, auch wenn die Repression uns zu trennen versucht, wir sind durch unsere Ideen und unsere Freundschaft unzertrennlich.
Wo auch immer du bist, fühl dich umarmt und bestärkt. Wir vermissen dich unglaublich! Aber es stärkt und freut uns, dass du den Klauen des Staates entkommst, hoffentlich viel Bereicherndes erlebst und neue Freundschaften schliesst.

Solidarische Grüsse und in Liebe, deine Freund*innen und Gefährt*innen
barrikade.info

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