Wider den Wiener Zuständen – einige Gedanken zu #w3101

veröffentlicht am 10. Februar 2021

Diese Gedanken sind an die letzten Reste antiautoritärer und libertärer Strukturen und Individuen in Wien gerichtet.

Nach den ersten autoritären Anflügen vor fast einem Jahr [1]und dem jetzigen Fallenlassen jeglicher Verschleierung autoritärer Wünsche [2], dürften das ja nicht mehr so viele sein. Auslöser für diesen Text waren für mich das Rumgejammere und -geschreie nach den sogenannten Querdenker_innen-Demos der letzten Wochen.
Versteht mich nicht falsch, ich möchte mit niemanden auf diesen Demos zu tun haben (mit den meisten der Gegendemonstrant_innen aber auch nicht) und finde auch, dass da eine gefährliche Melange entsteht, die uns die nächsten Jahre noch begleiten wird. Alle an den Querdenker_innen-Demos Teilnehmenden als Faschos, Covid-Idiot_innen oder wie auch immer zu bezeichnen, ist aber schlicht falsch und fatal. Falsch, da es einfach nicht so ist. Und fatal, da durch solche Zuschreibungen jegliche Verbindung zu diesen Menschen gekappt wird. Ich weiß, die meisten fühlen sich in ihrem Elfenbeinturm wohl und brauchen nach jedem Verlassen der Bubble erst mal eine Befindlichkeitsrunde, aber verdammt noch mal: Das sind die wütenden, unzufriedenen Menschen, die keinen Bock auf die Regierung mehr haben. Diese Menschen haben am Wochenende Polizeiketten durchbrochen und sind quasi unkontrolliert durch die Stadt gezogen. Oh und ich hätte es gefeiert, wenn sie das Parlament abgefackelt hätten. Schade darum.
Scheinbar haben die Akademiker_innenkinder jeglichen Bezug zu der Bedeutung des Aufstands verloren. „Der Aufstand“ wird nicht von einer Meute Fahnen schwingender Avantgardist_innen ausgelöst, sondern es ist die plötzliche Entladung einer Unzufriedenheit, die den Menschen die Furcht und den Gehorsam austreibt. Dass sich bei den „Corona-Demos“ Küssel, Sellner und Co. frei bewegen können, ist dem Versagen auf ganzer Linie seit Beginn der sogenannten Pandemie und des „Ausnahmezustands“ (und eigentlich auch schon davor) geschuldet. Jegliche Chance einer offensiven Kritik und Politik des Angriffs wurde großzügig ausgelassen, dafür feierten sich viele selbst, ihren Nachbar_innen das Sackerl die Stiegen hoch getragen zu haben. Während der Großteil unserer Nachbar_innen weiter jeden Tag in den Büros, Supermärkten und Fabriken arbeiteten und sich dort mit dem Virus ansteckten, jammerten wir im Internet darüber, wie langweilig es nicht am Land im Garten der Eltern ist. Statt mit Sabotage, Streik und Angriffen die Fabriken zum Stillstand zu bringen, die Arbeit niederzulegen und einen anderen/solidarischeren [3] Umgang mit der Pandemie zu suchen und zu diskutieren, wurde Klassenkampf auf der falschen Seite geführt. Es wurde sich blind auf den Staat verlassen und über die Dummen gelästert, die ja keine Maske richtig aufsetzen können.
Die Höhepunkte dieser Idiotie konnten wir jetzt bei der letzten Querdenker_innen-Demo sehen. Den einzig nennenswerten Versuch etwas zu starten, unternahmen 30 Menschen, die sich den Schwurbler_innen am Ring in den Weg stellten. Sich völlig darauf verlassend, dass eh die Kiwarei da ist, um sie nötigenfalls zu schützen. Was soll das? Ist das der Versuch den Identitären die Spartanersymbolik [4] abzukämpfen? Oder wollt ihr eure vermeintliche moralische Überlegenheit weiter damit unterstreichen, dass 30 Leute von einem Mob Nazihools ins Krankenhaus oder schlimmer befördert werden? [5] Seit wann ist die Analyse soweit verkommen, dass das einzige Ziel zu sein scheint, nur irgendwie möglich vor die andere Demo zu kommen, wie die Schmeißfliegen zu einem Stück Scheiße? Was wäre passiert, wenn die Bullen nicht dagewesen wären? Dann hätte es sich nicht so gut im Internet darüber auskotzen lassen können, wie die scheiß Bullen die Nazis schützen.
Das eigene Versagen wird nur noch weiter unterstrichen, indem die Bullen dazu aufgerufen werden, ihre Arbeit zu tun. Ist das noch Dialektik oder schon Komödie? Ich war wahrscheinlich genauso überrascht über die Dynamik wie die meisten, aber als Antwort darauf nach der Polizei zu schreien? In dieser staatstreuen Einheitsfront richten sich (radikale) Linke, Liberale, Bürgerliche und Grüne ein und rufen nach Papa Staat, um es zu richten. Denn das Gewaltmonopol des Staates ist nur doof, wenn es einen selbst trifft. Wenn es gegen die Rechten geht, dann am besten mit einem Maschinengewehr alle niedermähen lassen. Es ist offenkundig und das seit Jahren, dass jeder Furz aus einer linken, anarchistischen oder rebellischen Ecke mindestens 1:1 mit Polizei begleitet ist und ebenso, dass die Polizei die Rechten mit Samthandschuhen anfasst. Wann hat uns die Idee verlassen, dass Polizei und Faschist_innen unterschiedliche Seiten der selbe Medaille sind, die es gleich zu bekämpfen und anzugreifen gilt.
Die letzten Tage zeigen wieder nur die geistige Verarmung in Wien. Abseits einer wenigen Projekte, die noch einen kompromisslosen Charakter den Verhältnissen gegenüber einnehmen (Revolte, die feministische autonome Zelle aus Wien, …) verkommt der Rest zu einer Politik „der schönen Bilder“, bei der es nur mehr um “Likes“ und Selbstdarstellung geht. Der Spuk der aktivistischen Identität ist wieder zurück, jegliche Auseinandersetzung mit dem Bestehenden verschluckend.
Für diejenigen, die gewillt sind neue Wege zu gehen und Kämpfe aufzunehmen, bieten sich jedoch in der nahen Zukunft Möglichkeiten für Kreativität. Sei es nun die Lobau [6], die sich abzeichnende Wirtschaftskrise [7] oder die unzähligen anderen Schändlichkeiten des Staates.
Den Soziologiestudis, die meine Polemik mit gebügelten Wörtern entkräften wollen, spucke ich ins Gesicht.

Ein Provokateur


[1Denken wir nur an diese Dummheit von #staythefuckathome.

[2Siehe dazu die Sammlung wunderbarer Kritiken zu #ZeroCovid von Enough14: enough-is-enough14.org/tag/zero-covid/.

[3Für eine Rückbesinnung, was Solidarität eigentlich bedeuten sollte, siehe: „Der Diebstahl unserer Wörter – heute: Solidarität“ erschienen in Revolte Nr. 52; revolte.blackblogs.org.

[4Ich nehme an, die meisten kennen diesen Mist: 300 Spartaner haben sich den Persern heroisch an einem Gebirgspass entgegengestellt. Jetzt waren es halt 30.

[5Worauf es hinausgelaufen wäre, auch wenn teils anderes verlautbart wird.

[6Wo es wohlgemerkt schon seit Jahren Möglichkeiten gäbe.

[7Die auch ohne Corona gekommen wäre, jetzt aber verstärkt ist.

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