„Ich will nach Hause, nach Wien“

veröffentlicht am 23. Oktober 2019

Seit drei Monaten sitzt die österreichische Staatsbürgerin Mülkiye Laçin in der Türkei fest und darf nicht ausreisen. Die türkischen Behörden wollen nicht einmal bekannt geben, warum sie festgehalten wird.

„Die Verhaftung war völlig verrückt“, sagt Mülkiye Laçin noch heute empört. „Vor meinem Haus waren mindestens zehn bewaffnete Polizisten und sogar gepanzerte Fahrzeuge“. Sie erzählt das am Telefon. Sehen können wir uns nicht, während sie das sagt. Denn die österreichische Staatsbürgerin Mülkiye Laçin darf bereits seit Monaten nicht aus der Türkei ausreisen.

Es ist der 17. Juli 2019, ein Mittwoch, wo das Leben der Wienerin komplett auf den Kopf gestellt wird. An diesem Tag wird die 57-jährige in einem kleinen Dorf in der türkischen Provinz Tunceli verhaftet. In Handschellen hätte Laçin verhaftet werden sollen, wie sie erzählt. „Doch dann habe ich gefragt, welche Gefahr denn von mir ausgehen soll.“

Schließlich wird auf die Handschellen verzichtet. Möglicherweise ist sogar den Beamten klar, dass von dieser Frau, kurz vor der Pension, keine Gefahr ausgeht. Laçin wird auf die Polizeistation gebracht, wie sie erzählt. „Dann folgten eine Leibesvisitation und mehrere Verhöre.“

Staat gegen Opposition
Verhaftet wird Laçin wegen „Terrorpropaganda“, wie sie vermutet. Sicher sagen kann sie es nicht, es gibt noch keine offizielle Anklage. Eine solche Anklage wäre jedenfalls inzwischen trauriger Alltag in der Türkei. Denn dieser Vorwurf wird sehr vielen Menschen gemacht, die in politischer Opposition zur rechten AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan stehen.

Auch der österreichische Journalist und Aktivist Max Zirngast saß mit dem Vorwurf der Terrorpropaganda im Herbst 2018 drei Monate unschuldig im Gefängnis. Erst jüngst wurde er freigesprochen.

In der Zelle
Andere politische Überzeugungen als Erdoğan hat auch Mülkiye Laçin. Dazu ist sie Kurdin. Und sie hat sich in Österreich menschenrechtlich und kulturpolitisch engagiert. Das alles wird ihr in den Verhören vorgehalten, wie sie sagt. Schließlich wird Laçin in eine Zelle verfrachtet und muss die Nacht im Gefängnis verbringen.

„Dreckig war es dort“, sagt Laçin. Sie erzählt, dass sie immer eindringlicher nach einem Kontakt mit der österreichischen Botschaft in Ankara verlangt habe. Denn Mülkiye Laçin ist bereits seit vielen Jahren österreichische Staatsbürgerin. „Als ich dann auf Deutsch mit der Botschaft telefoniert habe, hat sich das Verhalten der Polizisten deutlich verändert“, sagt sie. „Scheinbar war ihnen gar nicht klar, dass ich keine türkische Staatsbürgerin bin.“

Ausreiseverbot
Schließlich darf Laçin die Polizeistation wieder verlassen. Doch über sie wird eine Ausreisesperre verhängt. Seit dem 17. Juli hängt Laçin nun in der Türkei fest und darf das Land nicht mehr verlassen. Wie lange sie bleiben muss, ist unklar.

Wann und ob es ein Verfahren gegen sie geben wird, ist unklar. Wie es mit ihrem Job und ihrer Wohnung in Wien weitergeht, weiß sie nicht. Offiziell ist ja noch nicht einmal bekannt, weswegen Laçin überhaupt angeklagt werden soll.

Behörden bestätigen den Fall
Den österreichischen Behörden ist der Fall bekannt. Das bestätigt der Sprecher des Außenministeriums, Peter Guschelbauer: „Die österreichische Botschaft ist bezüglich Frau Laçin mit den türkischen Behörden in Kontakt und hat bereits mehrfach auf Einstellung des Verfahrens gedrängt“, sagt er auf Anfrage von FM4.

Doch auch das Außenministerium kann nicht sagen, weswegen Mülkiye Laçin überhaupt angeklagt ist. „Von den türkischen Behörden haben wir noch keine offizielle Information erhalten, was Frau Laçin konkret vorgeworfen wird“, so Guschelbauer.

In Dêrsim
Mülkiye Laçin ist in der Region aufgewachsen, wo sie nun fest sitzt. Tunceli heißt diese Provinz im Osten der Türkei offiziell. Doch bereits dieser Name ist pure Politik. Denn früher hieß diese mehrheitlich kurdische Provinz noch Dersim, kurdisch Dêrsim. Ein Name, der für alle Linken und KurdInnen in der Türkei eine enorme symbolische Bedeutung hat.

Denn in Dêrsim versuchte 1937 die kurdische Bevölkerung einen letzten großen Aufstand gegen die türkischen Besatzer. Zehntausende Menschen sollen danach von der türkischen Armee ermordet worden sein. Die Region hat dem Aufstand ihren Namen gegeben: Der Dêrsim-Aufstand.

Durch die Umbenennung versuchte die türkische Regierung, diesen symbolischen Namen in den Hintergrund zu drängen. Vergeblich. Umgangssprachlich wird die Provinz weiterhin oft Dêrsim genannt, bis heute ist die Region eine Hochburg der Linken.

Frau und Kurdin
Doch Dêrsim kann auch anders. Ländlich, traditionell, feudalistisch. In dieser Umgebung aufzuwachsen war wohl keineswegs einfach für eine junge und selbstbewusste Frau. Harte Zeiten klingen zwischen den Zeilen durch, wenn Laçin von ihrer Jugend erzählt.

Mülkiye Laçin möchte lernen, eine Ausbildung machen. Sie besucht eine Erziehungsakademie, sie will mit Kindern arbeiten. „Doch vor allem nach dem rechten Militärputsch von 1980 wurde das Leben sehr schwierig“, erzählt sie. „Es ist ein hartes Leben in der Türkei, vor allem als Frau und als Kurdin.“

Keine Perspektive
Jede politische Opposition ist verboten. Sogar der Gebrauch der kurdischen Sprache ist in vielen Bereichen unter Strafe gestellt – und das wird sich auch nach dem offiziellen Ende der Militärherrschaft nicht ändern. Noch im Jahr 1994 wird die Parlamentsabgeordnete Leyla Zana zu 15 Jahren Haft verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Zuvor hatte sie wütende Proteste türkischer NationalistInnen auf sich gezogen: Leyla Zana hatte es gewagt, bei einer Rede im Parlament kurdisch zu sprechen.

Mülkiye Laçin sieht in einer solchen Umgebung keine Perspektive mehr. 1984 übersiedelt sie gemeinsam mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern nach Österreich. Ihr Sohn, Düzgün, ist zu diesem Zeitpunkt sechs Monate alt, ihre Tochter Sirma zweieinhalb Jahre. Sie beherrscht die Sprache nicht, am Anfang ist das Leben sehr schwer für die Familie. Laçin nimmt miese Jobs an, um zu überleben.

Mit Kindern arbeiten
Doch Laçin lernt schnell. Auch in Österreich möchte sie weiter mit Kindern arbeiten. Es gelingt: „Seit rund 25 Jahren arbeite ich jetzt in Österreich als Freizeitpädagogin“, erzählt sie stolz. Der Job macht ihr Freude, es ist eindeutig zu hören.

Gleichzeitig bleibt Laçin politisch wach. Sie erzählt über ihr Engagement im „Kurdischen Demokratischen Zentrum“ in Wien, über ihre Freude am Theaterspielen. „Ich bin immer für die Menschenrechte, für die Rechte von Frauen und Kindern und für die Natur eingetreten“, sagt Laçin. Der türkische Staat sieht das offenbar anders und wirft ihr offenbar Terrorpropaganda vor.

Neujahrswünsche als Anklagepunkt?
Eine offizielle Anklage gibt es zwar noch nicht, doch in den Verhören wurden Laçin mehrere Vorwürfe gemacht, wie sie erzählt. Die Vorwürfe, die Laçin nennt, klingen abstrus: Sie hätte etwa „Bijî Newroz“ auf Facebook gepostet. Es ist kurdisch und bedeutet schlichtweg Wünsche für ein frohes neues Jahr. Außerdem hätte sie mehrmals das Wort Kurdistan gepostet und kurdische Lieder geteilt.

Ihr Engagement im Kurdischen Demokratischen Zentrum wird ihr ebenfalls vorgehalten, sagt sie. In den Verhören sei sie auch auf eine Rede am 1. Mai 2016 in Wien angesprochen worden – ein möglicher Hinweis, dass türkische geheime Dienste auch in Österreich aktiv sind.

Theaterspielen
Und schließlich gäbe es ein Foto von ihr, wo sie auf einer Bühne Theater spielt. Im Hintergrund sei ein Bild von Abdullah Öcalan erkennbar, Gründungsmitglied der linken kurdischen PKK, die von der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird. „Ich spiele regelmäßig Theater, beispielsweise auf der Volkshochschule, aber auch in kurdischen Vereinen“, sagt Laçin. „Ich kann doch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, welche Bilder die Eigentümer der Räume aufhängen, wo ich Theater spiele.“

In Wien bemühen sich unterdessen Laçins Tochter Sirma und ihr Sohn Düzgün um die Freilassung ihrer Mutter. Düzgün Kapan macht gerade seinen Doktortitel. Er erzählt, dass er schon lange Angst um seine Mutter gehabt hat, wenn sie in die Türkei gefahren ist. Für die Zeit der Pension hat sich Mülkiye Laçin unter vielen Mühen ein Haus in Dêrsim zusammen gespart. Kapan zeigt mir die Bilder, schön ist es geworden. Doch er sei unsicher gewesen, ob die Lage sicher sei.
Weglaufen?

„Mama, bitte warte noch“, hätte er gesagt. Seine Stimme bricht, während er es erzählt. Am Telefon wird mir seine Mutter später sagen, dass sie sich auch selbst die Frage gestellt hat, ob sie noch in die Türkei einreisen solle. „Doch Weglaufen kann doch keine Alternative sein.“ Bei all ihren Problemen betont Laçin immer wieder, dass sie nicht die einzige ist, die die Repression der türkischen Behörden trifft.

Düzgün und Sirma Kapan versuchen inzwischen, von Wien aus Druck aufzubauen. Sie sprechen mit Behörden, sie sprechen mit PolitikerInnen. „Bis jetzt sind wir mit dem Fall nicht in die Öffentlichkeit gegangen“, sagt Düzgün Kapan. „Wir haben auf eine diplomatische Lösung gehofft.“ Doch immer mehr Zeit vergeht, nichts würde geschehen. „Wir sind zunehmend frustriert und enttäuscht.“

Die Kinder und ihre Mutter sind derzeit nicht sicher, ob die österreichischen Behörden entschieden genug handeln, erzählen Kapan und Laçin unabhängig voneinander. „Mein letzter telefonischer Kontakt mit der Botschaft in Ankara ist inzwischen bereits drei Wochen her“, sagt Laçin bei einem Telefonat am Sonntag letzter Woche. Einen persönlichen Kontakt hätte es noch nie gegeben.

Letzten Montag – wo FM4 erstmals beim Außenministerium um eine Stellungnahme ersucht hatte – hätte sich die Botschaft dann allerdings mit einer seltsamen Frage gemeldet, so Kapan: „Sie wollten nochmals die Bestätigung, dass meine Mutter nur die österreichische Staatsbürgerschaft hat.“ Natürlich ist da so, sagt Kapan. Doch warum diese Bestätigung für die Botschaft auf einmal wichtig wird, bleibt unklar.

Außenministeriums-Sprecher Guschelbauer sagt: „Unsere Botschaft in Ankara und die zuständigen Stellen in Wien sind mit der Betroffenen und den Angehörigen in Kontakt.“ Wie oft es Kontakt zu Mülkiye Laçin geben würde, kann er nicht sagen.

„Ich will nach Hause“
In Österreich konstituiert sich unterdessen ein Solidaritäts-Komitee für Mülkiye Laçin. Initiatorin Selma Schacht ist gleichzeitig die Betriebsratsvorsitzende von „Bildung im Mittelpunkt“, wo Laçin arbeitet. Der Verein ist zuständig für die Freizeitpädagogik an den Wiener Volksschulen.
„Mülkiye, unsere Kollegin, Freundin, politische Gefährtin, Familienangehörige und Pädagogin unserer Kinder wird seit Monaten festgehalten. Das können wir nicht einfach so hinnehmen“, sagt Schacht. Das Solidaritäts-Komitee soll nun Öffentlichkeit erzeugen, damit „Mülkiye so schnell wie möglich aus den Fängen der türkischen Justiz wieder nach Hause kommen kann“, erklärt sie.

Das wünscht sich auch Mülkiye Laçin: „Ich will wieder meinen Alltag haben. Ich will wieder zu meinem Job, zu den Kindern und zu meinen eigenen Kindern. Ich will nach Hause, nach Wien.“

Anmerkung der Moderation

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf fm4. Eigentlich sollen auf emrawi.org keine Kopien aus kommerziellen Medien veröffentlicht werden, wir machen aber bei bestimmten Beiträgen Ausnahmen, wenn der Inhalt aus unserer Sicht besonders wichtig ist.

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