Der Diebstahl unserer Wörter – heute: FREIHEIT

veröffentlicht am 26. April 2022

Anarchist*innen wollten schon immer die größtmögliche Freiheit für Alle erkämpfen, die überhaupt erreichbar ist. Das ist im Prinzip der Dreh- und Angelpunkt all der Aktivitäten, die sowohl individuell als auch kollektiv in der Bewegung umgesetzt werden, wenn auch mit unterschiedlichen „Varianten“ oder Zugängen. Der Begriff der Freiheit wird jedoch heutzutage tatsächlich mehr und mehr von Leuten in den Mund genommen, die mit tatsächlicher Freiheit sehr wenig am Hut haben. Ein Grund mehr für uns, unseren Freiheitsbegriff erneut zu aktualisieren und darüber nachzudenken, was Freiheit eigentlich ist oder sein könnte.

Da wir uns bereits im März 2018 in der Revolte-Ausgabe Nr. 27 mit dem Text „Ist das eure Freiheit?“ intensiver mit dem Begriff „Freiheit“ auseinandergesetzt haben, werde ich hier nur mehr auf einzelne Aspekte eingehen, bzw. eine Aktualisierung hinzufügen. Der oben erwähnte Artikel kann auf unserer Homepage nachgelesen werden.

Zum jetzigen Zeitpunkt gab es, bzw. gibt es in Österreich eine Mobilisierung gegen die Maßnahmen der Regierung bzgl. Corona und vor allem gegen die Impfpflicht, die mittlerweile unübersehbar von rechten und reaktionären Kräften dominiert und von offen auftretenden Neonazis (z.B. Gottfried Küssel, Martin Rutter) oder Gruppen der extremen Rechten (Identitäre, FPÖ) organisiert werden. Dass da auch „ganz normale Bürger*innen“ mitlaufen, wie immer wieder betont wird, spricht nicht unbedingt für diese Bürger*innen… die Nähe zu den Nazis ist unbestreitbar, alleine das gemeinsame Marschieren auf einer Demo (ohne die Faschist*innen zu konfrontieren und in letzter Konsequenz zu verjagen), ist eine Aussage, die für sich selbst spricht. Dazu kommen noch die überall präsenten Österreichfahnen, die Holocaust-Verharmlosungen in Form von Schildern und Texten und sonstige Inhalte, die mit Freiheit absolut nichts zu tun haben.
Was all diese Gruppen und Personen (auch die Esoteriker*innen) jedoch gemeinsam haben, ist die Bezugnahme auf einen diffusen Freiheitsbegriff. So sammeln sich beispielsweise unter dem Motto „Friede.Freiheit.Keine Diktatur“ teils zehntausende Menschen. Hier wird der Begriff der Freiheit total abgeschwächt und verwässert – sie tun gerade so, als wäre die Diktatur die einzige Gegenspielerin der Freiheit und folglich alles, was nicht diktatorisch veranlagt ist, im Rahmen des Vertretbaren oder eben Freiheit. Damit entlarven sie sich selbst als das, was sie in Wirklichkeit sind: Reaktionäre, die lediglich zurück wollen zu einem Zustand „vor“ der eingebildeten CoronaDiktatur (also der jetzigen Regierung). Die Rückkehr also zur Freiheit des ungehinderten Konsums und damit gleichzeitig auch zur Freiheit der ungehinderten Ausbeutung von Mensch, Tier, Umwelt. So werden die binären Erklärungsmuster – das SchwarzWeißDenken – in dieser Periode des gesellschaftlichen Umbruchs nur noch weiter bedient. Jemand, der gegen die „Impfdiktatur“ steht, kann folglich also nur Freiheit im Sinn haben? Dann muss man sich nur mal die Kreaturen anschauen, die auf diesen Demos umherirren…

Als Anarchist*innen liegt es uns fern, Leute dafür zu verurteilen, dass sie gegen ein Gesetz aufbegehren, im Gegenteil. Aber dass sie sich unter einem falschen Freiheitsbegriff sammeln – auf Demos, die von der „Freiheitlichen Partei“ (FPÖ) organisiert und angemeldet werden und einen prä-pandemischen Zustand anstreben, in dem die Unfreiheit der meisten Menschen auf diesem Planeten bewusst fortgeführt wird, zeigt ihre wahre Gesinnung.

Was meinen wir mit Freiheit?

Wenn ich hier von Freiheit spreche, meine ich damit zwei verschiedene Freiheiten, die aber durchaus zusammenhängen: die individuelle und die kollektive.
Individuelle Freiheit bedeutet für mich, dass ich als Person frei bin, Entscheidungen zu treffen, wie sie mir belieben und für mich sinnvoll sind und mich mit Leuten zu verbinden, mit denen ich Gemeinsamkeiten teile. Dass ich dabei nicht von bestimmten Unterdrückungsmechanismen wie Gender, Klasse, Hautfarbe, … beeinträchtigt werde. Kurz, dass meine persönlichen Fähigkeiten nicht von einem Kollektiv (der Gesellschaft) limitiert werden. Und dass diese Aussagen auch für alle anderen Leute gelten, nicht bloß für mich.

Es müßte ja Alles drunter und drüber gehen, wenn Jeder tun könnte, was er wollte!“ Wer sagt denn, daß Jeder Alles tun kann? Wozu bist Du denn da, der Du nicht Alles Dir gefallen zu lassen brauchst? Wahre Dich, so wird Dir Keiner was tun! Wer deinen Willen brechen will, der hat’s mit Dir zu tun und ist dein Feind. Verfahre gegen ihn als solchen. (Max Stirner – Der Einzige und sein Eigentum)

Die kollektive(re) Freiheit beschreibt folgerichtig die allgemeine Freiheit einer größeren Gruppe. Sie ist dabei zwangsläufig die Freiheit der unterdrückten Klassen, der Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen. Im Moment ist es aber im Gegenteil so, dass die Klasse der Kapitalist*innen und Besitzenden – also die herrschende Klasse – jede Freiheit genießt. So ist es im Interesse der Unterdrückten, ihre Freiheiten immer mehr zu erweitern, wobei dabei die Spielräume der Herrschenden immer kleiner werden; am Ende dieses Weges muss die Abschaffung der Klassengesellschaft stehen.

Über diesen beiden „Freiheiten“ steht für mich die persönliche Ethik, die natürlich auch im Austausch mit anderen Individuen entsteht und verhandelt wird. Damit meine ich ein Set aus Werten, die uns zu bestimmten Entscheidungen bringen und in sich schon den Kern der Freiheit enthalten müssen. Sozusagen die Brille, durch die wir alle die Welt betrachten. Diese Ethik kann nur im ständigen Austausch und der Diskussion mit Anderen und im permanenten Kampf gegen die Feind*innen der Freiheit entwickelt werden und ist daher ein niemals endendes Projekt.
Ebenso ist die Verwirklichung der oben genannten kollektiven Freiheit nur im Moment der Abschaffung der Klassengesellschaft möglich und damit mit einer sozialen Revolution, die jede Form von Autorität angreift und abschafft. Oder - um es mit den Worten unseres Artikels vom März 2018 zu sagen – „wirkliche Freiheit kann nur auf den Ruinen der bestehenden Ordnung erblühen.“.
In jedem Fall ist es wichtig zu betonen, dass Freiheit kein statischer, unveränderlicher Zustand ist, sondern mit der Zeit verrinnt und verloren geht. Sie wird jeden Tag aufs Neue erkämpft und verändert.

Was wir im Moment erleben, ist eine allumfassende inhaltliche Verflachung der gesamten Gesellschaft. Dies sehen wir an „Phänomenen“ wie FakeNews, an millionenfachen Tweets, die kaum über 200 Zeichen hinausgehen und die wachsende Unfähigkeit von sehr vielen Menschen, sich kritisch mit komplexeren Zusammenhängen auseinanderzusetzen oder gar eigene Überlegungen anzustellen. Aber auch ganz allgemein an der fortschreitenden Abhängigkeit von technischen Geräten und dem Internet – mit der Entfremdung von uns selbst und unserer Umwelt. Persönliche Utopien einer befreiten Gesellschaft sind für die meisten Menschen kaum noch vorstellbar. Gedankenexperimente, geteilte Träume oder Visionen sind ungeheuer nötig, um sich überhaupt eine andere Welt vorstellen zu können. Und was nicht mehr im eigenen Kopf vorstellbar ist, kann auch nicht mit Anderen besprochen und daher auch nicht umgesetzt werden. Der Teufelskreis scheint perfekt zu sein. Und der Verlust der Komplexität unserer Sprache trägt das Übrige dazu bei.
Durch all das wird notwendigerweise auch unser Begriff von Freiheit verwaschen und heruntergebrochen auf falsche Gegensätze wie „Freiheit vs. Diktatur“ oder auch „Geimpft vs. Ungeimpft“. Ein Stellvertreterkonflikt, der die wirklichen Gräben in der Gesellschaft vertuscht, die da wären „Ausbeuter*innen vs. Ausgebeutete“, Oben und Unten.

Wenn wir in Zeiten der steigenden (technologischen) Unfreiheit unsere Freiheit behalten wollen, müssen wir physisch darum kämpfen. Aber mindestens so wichtig ist es, uns selbst immer wieder aufs Neue einen Begriff davon zu machen, was wir mit Freiheit überhaupt meinen und in welche grobe Richtung uns unsere Kämpfe dabei führen sollen, um nicht im Strudel der Informationsflut unser Ziel am Horizont aus den Augen zu verlieren. Und nicht zuletzt müssen wir diese Freiheit(en) in unseren Köpfen und Herzen tragen und dort kultivieren. Dazu wäre es extrem hilfreich, unerbittlich und gewaltig all diejenigen anzugreifen, die es auf unsere Freiheit abgesehen haben. Auch und gerade dann, wenn sie sich „Freiheitlich“ nennen…

Anarchistische Zeitung REVOLTE
https://revolte.blackblogs.org/

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