Über den Widerstand in einem Land der Frauenmorde

veröffentlicht am 10. März 2020

Frauen* aus verschiedenen Städten Mexikos gehen bereits seit vergangenem Jahr gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Frauenmorde und damit verbundene Straffreiheit auf die Straßen. Darunter sind Frauen, die sich in feministischen Kollektiven organisieren, aber auch solche, die Betroffene von Gewalt oder Familienangehörige von Ermordeten und Verschwundenen sind. Sie alle organisierten sich in den sozialen Netzwerken, in Solidaritätskampagnen oder im Rahmen von Gedenkveranstaltungen zu einer nie dagewesenen Kraft, um ihren Frust über die Gewalt, die sie täglich erleben müssen, Ausdruck zu verleihen. Die Lebensrealität mexikanischer Frauen ist ein täglicher Kampf zwischen sexueller Belästigung auf den Straßen und bei der Arbeit, ein Kampf gegen häusliche Gewalt, Entführungen, Vergewaltigungen und Ermordungen.

Die Gewalt gegen Frauen ist so eingeschrieben in die mexikanische Gesellschaft, dass ein großer Teil der Frauen zumindest einmal im Leben Betroffene von häuslicher oder sexualisierter Gewalt wurden. Es gibt keine Sicherheit für sie, wenn sie alleine die Straße entlanglaufen oder ein Taxi nehmen, um nach Hause zu fahren – zu jedem Zeitpunkt besteht die Möglichkeit, auf dem Weg angegriffen, vergewaltigt oder ermordet zu werden. Und auch zu Hause hört es nicht auf: Neun von zehn Frauenmorden beginnen mit häuslicher Gewalt. Die Mörder sind die Ehemänner, Beziehungspartner oder eifersüchtige Ex-Freunde.

Die Komplizen der Mörder

Die aktuellen massiven Proteste der Frauen* in Mexiko – unter anderem gingen gestern, am weltweiten Frauen*kampftag, mehrere Millionen Frauen* auf die Straße – entzündeten sich aufgrund eines Leaks von sensiblem Beweismaterial durch einen Beamten der Bundespolizei oder der Staatsanwaltschaft. Das Material bezeugt einen der brutalsten Feminizide der jüngsten Zeit. Einen der ungefähr 250 Frauenmorde seit Beginn des Jahres 2020. Die 25-jährige junge Frau wurde in ihrem eigenen Haus ermordet, ihr Körper vom Täter grausam verstümmelt. Als dieser durch die Polizei am Tatort festgesetzt wurde, war er mit dem Blut der Ermordeten überströmt. Während der Festnahme des Täters vernahm ein Beamter der Staatsanwaltschaft und/oder Polizei den Täter über die Gründe der Ermordung. Dieser gab an, er habe die Frau nach einem Streitgespräch ermordet.

Das Video dieser Vernehmung wurde anschließend in den sozialen Netzwerken verbreitet. Der Fall ging viral. Am darauffolgenden Tag glänzten die mexikanischen Boulevard-Zeitungen mit der Rechtfertigung des Frauenmordes. Sie verhöhnten die Ermordete in den Überschriften, machten satirische Kommentare und veröffentlichten Informationen über sie ohne den geringsten Respekt vor dem verlorenen Leben, geschweige denn vor den Angehörigen des Opfers. Die Veröffentlichung des Videos durch Beamte führte schließlich dazu, dass der Mörder freigelassen wurde, da er den Schutz seiner Persönlichkeitsrechte im Rahmen seiner Verhaftung einfordern konnte. So nährten nicht nur die mexikanische Presselandschaft, sondern auch die staatlichen Autoritäten erneut ein frauenverachtendes System, das im vergangenen Jahr allein 3800 Leben von Frauen kostete. [1] Im direkten Vergleich wurden im Jahr 2018 in Deutschland laut Bundeskriminalamt 122 Frauen* durch ihre Ex-Partner und/oder Ehemänner ermordet.

Ein Ausdruck von kulturellem Konservatismus

Bei den Opfern von Feminiziden handelt es sich häufig um Menschen der popularen Klassen, also Arbeiterinnen*, Hausfrauen*, Studentinnen* und so weiter. Das Gleiche gilt auch für die männlichen Täter. Das heißt jedoch nicht, dass die Gewalt notwendigerweise mit dem sozialen Status in der Gesellschaft zusammenhängt. Vielmehr äußert sie sich je nach gesellschaftlicher Klasse unterschiedlich. Vielleicht kommt der einen oder anderen von uns der Gedanke, dass es sich hier um psychisch kranke Männer oder unmenschliche Monster handeln muss – aber das entspricht nicht der Realität. Vielmehr handelt es sich um ganz normale Typen. Die Täter haben gemeinsam, dass sie sich in ihrer Ideenwelt und bei ihren Taten auf gesellschaftlich hegemoniale konservative und patriarchale Männlichkeitsvorstellungen beziehen. Männlichkeitsvorstellungen, die direkt damit einhergehen, dass die Unterwerfung einer Frau etwas vollkommen Normales und sogar Notwendiges ist. Eine Unterwerfung, die mit machistischen Praktiken einhergeht, die irgendwann am Ende der Fahnenstange dieser Logik endet: der sexualisierten Gewalt und dem Frauenmord.

Dass diese Form konservativer Männlichkeit in Mexiko nach wie vor hegemonial ist und in anderen Ländern nicht im selben Maße, hat natürlich Gründe. In Mexiko gab es nur wenige gesellschaftlich relevante feministische Bewegungen, die auch nicht in der Lage waren, das klassische Rollenbild nachhaltig in Frage zu stellen. Bislang nicht.

Zuckerbrot, Aussitzen und Peitsche

In den Tagen nach dem grauenhaften Mord an der 25-Jährigen organisierten sich die Frauen über die sozialen Netzwerke, um gegen das Komplizentum der mexikanischen Presselandschaft und der Behörden in Mexiko-Stadt Proteste loszutreten. Sie forderten Gerechtigkeit und eine gerechte Strafe auch für diejenigen, die die sensiblen Informationen über die Tat veröffentlicht hatten. Die Antwort des Staates war Tränengasbeschuss durch die eigens für Frauenproteste aufgestellte und eingesetzte Fraueneinheit „Grupo Atenea“ gegen die Demonstrierenden. Darüber hinaus lancierte die Oberbürgermeisterin der Hauptstadt, Claudia Sheinbaum, ihres Zeichens Mitglied der Linkspartei MORENA, eine Polizeioperation zum Schutz von historischen Monumenten in unmittelbarer Nähe zu den Demonstrationen – aus „Angst“, diese könnten „beschädigt werden“. In der Vergangenheit waren bei ähnlich gelagerten Protesten gegen sexualisierte Gewalt durch Polizisten historische Denkmäler mit feministischen Slogans gegen Frauenmorde und Vergewaltigungen bemalt worden.

In direkter Folge der Proteste und dem öffentlichen Druck präsentierte die Oberstaatsanwältin von Mexiko-Stadt, Ernestina Godoy, vor dem Kongress der Hauptstadt zudem eine Gesetzesinitiative: Diese sieht die Implementierung eines Artikels vor, der es künftig ermöglichen soll, jenen Teil der Beamtenschaft zur Rechenschaft zu ziehen, der sensibles Beweismaterial im Rahmen einer Ermittlung ohne Erlaubnis veröffentlicht. Die Strafe soll abhängig von der Schwere des Falls nach zwischen zwei und zwölf Jahren Gefängnis schwanken, bei einer Strafzahlung zwischen 2000 und 4000 Euro.

Während die Stadtoberen sich jedenfalls um ihre historischen Monumente sorgten, wurde in der gleichen Woche ein sieben Jahre altes Mädchen nach dem Verlassen der Schule entführt, vergewaltigt und ermordet. Die von sexueller und physischer Gewalt gezeichnete Leiche des Mädchens wurde Tage später in einer Plastiktüte aufgefunden. Dieser erneute Mord trat eine weitere Welle der Empörung gegen die Stadtverwaltung der Hauptstadt und diesmal auch gegen die Regierung des derzeitigen Präsidenten Mexikos, Andres Manuel López Obrador (MORENA) los. Letzterer hatte bis zu diesem Zeitpunkt eher einen Kurs der Vermeidung des Themas Frauenmorde gefahren. Am 19. Februar nun lobte der mexikanische Präsident die Initiative zur Verschärfung der Strafen bei Morden an Frauen und sexualisierter Gewalt. Es sollte jedoch klar sein, dass Initiativen dieser Art das Grundproblem nicht angehen – insbesondere in einem Land, in dem täglich mindestens 50 Frauen Opfer von Vergewaltigungen werden und täglich zehn Frauen getötet werden.

Die Statistiken der Gewalt überschlagen sich

Bei den Frauenmorden handelt es sich weder um Zufall noch um isolierte Einzelfälle, sondern um Gewalttaten aus einer noch stark von patriarchalen Ideenwelten dominierten Gesellschaft. Das verdeutlichen auch nachfolgende Zahlen verschiedener internationaler Institutionen.

Die Feminizide an dem sieben Jahre alten Mädchen oder der 25-jährigen Frau sind Teil einer Statistik, die sich Jahr für Jahr weiter überschlägt: In den vergangenen Jahren nahmen laut dem Staatsanwalt Alejandro Gertz Manero die Zahl der registrierten Morde an Frauen um nahezu 137 Prozent zu. Laut dem US News & World Report 2019 belegt Mexiko den vierten Platz in Lateinamerika und den zwanzigsten Platz weltweit, was negative Lebensbedingungen von Frauen anbelangt. Es überrascht vor diesem Hintergrund wenig, dass Mexiko das Land mit den meisten Frauenmorden auf dem amerikanischen Kontinent ist.

Zwischen 2015 und 2019 wurde einer von zehn Frauenmorden an einer minderjährigen Frau verübt. So ist Mexiko laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OWZE) ganz vorne mit dabei bei Delikten des sexuellen Missbrauchs, der häuslichen Gewalt und der Ermordungen von Kindern, die jünger als vierzehn Jahre alt sind. Laut dem Netzwerk für Kinderrechte in Mexiko (REDIM) sterben in Mexiko täglich mindestens drei Kinder aufgrund von Gewalt. Das alles, während die Nationale Kommission zur Suche von verschwundenen Personen im vergangenen Jahr feststellte, dass sieben Kinder täglich verschwinden. Mal abgesehen von dem schändlichen ersten Platz für Produktion und Vertrieb von Kinderpornographie laut dem Security Department der USA – neben dem Drogenhandel eines der lukrativsten Geschäfte auf dem mexikanischen Schwarzmarkt.

Der Widerstand wächst

Unter den Hashtags #undiasinnosotras („Ein Tag ohne uns“) und #elnueveningunasemueve („Am 9. März bewegt sich keine“) fand sich in den vergangenen Wochen eine feministische Kampagne zusammen, die zum ersten Mal in der Geschichte des Landes zu einem nationalen Streik der Frauen am 9. März aufruft. Der Aufruf appelliert an alle Frauen, einen Tag nach dem weltweiten Frauen*kampftag einen klassenkämpferischen Streik durchzuführen; das heißt, weder zu arbeiten, noch einzukaufen, noch zu Schulen, Universitäten oder sonst wo hin zu gehen.

Die Organisatorinnen gehen davon aus, dass die täglichen Frauenmorde aus der patriarchalen Vorstellung resultieren, dass Frauen weniger wert seien als Männer, oder eben sogar gar nichts wert seien. Das Zentrum zur Frauenforschung im Business Management (CIMAD) geht aber davon aus, dass ein Streik der Frauen die Abwesenheit von bis zu 22 Millionen regulären Arbeitskräften bedeuten könnte – und damit rund 40 Prozent des Personals der Firmen Mexikos betreffen. Das entspräche einem 24-Stunden Streik der mexikanischen Automobilindustrie mit einem Einnahmenausfall von ungefähr 1.252.446.190 Euros. Dieser Streik würde also die Verzerrung der patriarchalen Logik offenlegen und wäre so der schlagende Beweis, dass ohne die Arbeitskraft der Frauen, ohne die Präsenz der Frauen in der Gesellschaft, Mexiko und die Welt stillstünde.

Anmerkungen:

[1] Dazu treten in den Jahren 2013 – 2017 mindestens 381 Morde an LGBTI*s, davon 209 Morde an Trans-Frauen*, die aus Hass-Motiven begangen wurden.

https://revoltmag.org

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