#freeall - Sichere Fluchtwege Teil 2

veröffentlicht am 2. Januar 2023

Ein Interview mit der Soligruppe über den Sinn von Soligruppen, wie Repression wirkt, wie wir uns auf Repression vorbereiten können und was nach der Inhaftierung noch zu tun ist.

Hier geht es zu Teil 1: https://emrawi.org/?freeall-Sichere...

Was heißt es für euch, eine Soligruppe zu haben und welche Vorteile seht ihr darin?

Eine Soligruppe zu haben ist ein wahnsinniges Privileg. Kaum ein Mensch hat während der Zeit im Knast ein Unterstützer*innen-Netzwerk, das auf so vielen Ebenen aktiv sein kann. Es spielt nämlich nicht nur die finanzielle Unterstützung für die Person im Knast eine Rolle. Oftmals ist der emotionale Support viel wichtiger. Sei es durch regelmäßige Besuche und Anrufe, Briefverkehr oder auch durch Solidaritätsbekundungen von Freund*innen. Die Person im Knast sollte so gut wie möglich in Entscheidungen eingebunden werden. Im besten Fall wissen wir voneinander vor einem Repressionsfall schon, was gewünscht ist und wo die Grenzen sind.

Eine zentrale Aufgabe einer Soligruppe ist es, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, die über den individuellen Fall hinausgehen kann, um damit die Unterdrückungsmechanismen und das Versagen des Systems aufzuzeigen. Getroffen hat es nämlich oft nur wenige - gemeint sind aber alle!

Wichtig ist auch zu sehen, dass es viele unterschiedliche Betroffenheiten gibt. Wenn ein*e Freund*in oder ein*e Genoss*in aus unserem Kreis gerissen wird, hinterlässt das auch bei uns Spuren. Wenn wir anfangen, Betroffenheiten gegeneinander aufzuwiegen und uns gegeneinander auszuspielen, hat Repression genau das geschafft, was sie soll. Eine Soligruppe sollte sich deshalb schon früh (im besten Fall vor einem Repressionsschlag) klar werden, welche verschiedenen Aufgaben es gibt und diese auch abstecken und aufteilen.

Spielt die Soligruppe auch nach der Inhaftierung noch eine Rolle?

Auf jeden Fall. Menschen brauchen nicht nur während der Zeit im Knast, sondern auch danach (unterschiedlich) viel emotionalen Support. Viele sind stark überfordert vom Leben "draußen". Umso wichtiger ist es, sich auch als Soligruppe auf diesen Moment vorzubereiten und die Soliarbeit nicht ausschließlich als rein materiellen Support für die Zeit im Knast zu sehen.
Denn die Repression ist nicht auf diesen Zeitraum und diese Ebene begrenzt. Sie beginnt schon viel früher, greift mit verschiedenen Mechanismen auf verschiedenen Ebenen und begleitet uns zumeist ein Leben lang.

Inwiefern begleitet Repression einen Menschen so lange? Was kann dagegen getan werden?

Wir müssen uns alle darauf vorbereiten, dass wir oder unsere Freund*innen früher oder später in den Knast kommen könnten - ganz egal ob schuldig oder unschuldig. Das heißt eben auch, dass wir uns gemeinsam damit außeinandersetzen müssen, was es heißt, Strafen zu bekommen, festgenommen zu werden oder im Knast zu sein. Die Erlebnisse brennen sich meist tief ein. FLINTA*-Personen haben es oft schon bei einer Festnahme mit sexualisierter Gewalt zu tun. Ein Verhör durch die Staatsgewalt ist keine "lustige Angelegenheit".
Wir müssen uns aber auch damit auseinandersetzen, wie Soliarbeit ausschauen kann. Gemeinsam müssen wir darüber reden, was unsere Ängste sind, was wir brauchen könnten und wie wir uns gegenseitig bestmöglich unterstützen können.

Denn der Staat setzt alles daran, progressive Kämpfe zu unterbinden und zu kriminalisieren. Umso wichtiger ist es, kollektiv füreinander da zu sein und unsere Freund*innen inner- und außerhalb des Knasts nicht mit der Repression alleine zu lassen!
Solidarität ist unsere stärkste Waffe!

Es gibt unzählige Beispiele, wie People on the Move (PoM) auch noch von den verschiedensten Staaten mit Repression überschüttet werden. Einige wenige haben die richtigen Menschen bzw Gruppen kennengelernt, um die Fälle gemeinsam zu veröffentlichen. Wir wollen diese kurz zusammenfassen.

439 Jahre für die #Paros3
Nach einem Schiffsunglück am 24.12.2021 nahe der griechischen Insel Paros, bei dem 18 Menschen starben, wurde der 39-jährige Kheiraldin A. und die 32-jährigen Abdallah J. und Mohamad B. von der griechischen Polizei festgenommen. Ihnen wurde vorgeworfen, das gekenterte Boot gesteuert zu haben und somit für die illegale Einreise von 59 Menschen und den Tod von 18 Menschen verantwortlich zu sein.

In einem langwierigen Prozess, wurden viele Zeug*innen vernommen wurden, deren Aussagen die drei Angeklagten stark entlasteten. Doch am Ende des Prozesses wurden die Paros3 trotzdem zu ingesamt 439 Jahren Haft veurteilt. Grund dafür laut Richter*innen war die Hilfe zur illegalen Einreise und auch die Gefährdung aller 59 Insass*innen.
Kheiraldin wurde zu 187 Jahren Haft verurteilt, Abdallah und Mohamad zu jeweils 126 Jahren.

Mehr dazu auf: https://www.borderline-europe.de/un...

18 Jahre für H. Sabetara
Sabetara wurde im September 2021 im Nordosten Griechenlands festgenommen und im Anschluss zu 18 Jahren Haft wegen "Schlepperei" verurteilt, da er ein Auto mit 7 weiteren PoM gesteuert hatte.
Er wollte seiner Familie nach Deutschland folgen und sah keine andere Möglichkeit, als die türkisch-griechische Grenze mithilfe eines Schleppers zu überqueren. Nachdem er die Überfahrt aber nicht selbst bezahlen konnte entschloss er sich dazu, nach dem Grenzübertritt selbst zu fahren um nicht tausende Euro zahlen zu müssen.

Mehr dazu auf: https://www.borderline-europe.de/un...

50 Jahre für die #Moria6
Nachdem 2020 das Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Moria zu einem großen Teil abbrannte, wurden 6 PoM - darunter auch Minderjährige - festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt. Im darauffolgenden absurden, dilettantischen Prozess, welcher unter Auschluss der Öffentlichkeit stattfand, wurden 4 der 6 Angeklagten zu jeweils 10 Jahren und die beiden anderen Angeklagten zu jeweils 5 Jahren Haft verurteilt. Das alles, obwohl keine*r der 15 befragten Zeug*innen auch nur einen der Beschuldigten identifizieren konnten und es keinerlei Beweise gab.

Dieser Prozess war eine erneute willkürliche Machtdemonstration des "Friedensprojekts EU". Die #Moria6 stehen als symbolische Sündenböcke der rassistischen, tödlichen Abschottungspolitik Europas.

Mehr dazu auf: https://www.borderline-europe.de/un...

1.5 Jahre Bewährung für die #Samos2
In der Nacht vom 7. November 2020 versuchten Hasan, N. und 22 andere Menschen, darunter auch ihre Familien, Griechenland von der Türkei aus mit einem kleinen Gummiboot zu erreichen. Auf dem Weg kenterete das Boot auf offenem Meer. Die griechische Küstenwache wurde frühzeitig über den Notfall informiert, aber schickte kein Rettungsteam los. Der 6-jährige Sohn von N. kam dabei ums Leben.

Als Hasan und N. das griechische Festland erreichten, wurden sie direkt festgenommen. N. wurde vorgeworfen, für den Tod seines Sohnes verantworlich zu sein. Hasan wurde beschuldigt, Schlepper zu sein und so alle 24 Insass*innen nach Griechenland gebracht zu haben. Im Prozess forderte die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von insgesamt 230 Jahren.

Am 18. Mai 2022 wurde N. freigesprochen. Hasan wurde zu 1 Jahr und 5 Monaten Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Mehr dazu auf: https://freethesamostwo.com/de/ueber/

Terrorismusvorwurf für die #ElHiblu3
In Malta sind drei afrikanische Jugendliche wegen Terrorismus angeklagt. Sie gehörten zu einer Gruppe von PoM, die am 26. März 2019 auf einem Gummiboot aus Libyen flohen. Die 108 Menschen gerieten in Seenot und wurden vom Frachtschiff El Hiblu 1 gerettet. Auf Anweisung der EU-Militäroperation "Eunavfor Med" versuchte die Besatzung, die Geretteten nach Libyen zurückzubringen, wo den PoM erneut jahrelange Gefangenschaft und Folter gedroht hätte.

Die PoM protestierten gegen ihre Rückführung und überzeugten die Besatzung der El Hiblu 1, nach Malta zu fahren. Dennoch wurden drei PoM direkt nach ihrer Ankunft verhaftet und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Sie stehen mit absurden Vorwürfen weiterhin vor Gericht und könnten im Falle einer Verurteilung für unzählige Jahre im Knast landen.

Mehr dazu auf: https://elhiblu3.info/index

Kriminalisierung von Seenotrettung - #Iuventa-Crew
Nachdem das Schiff der Iuventa Crew am 02. August 2017 im italienischen Hafen Trapani beschlagnahmt wurde, startete der wohl größte Kriminalisierungs-Prozess von Seenotrettung.
In dem noch immer andauernden Prozess stehen insgesamt 21 Ärzt*innen und Seenotretter*innen vor Gericht, die während Missionen der Iuventa in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt 14.000 PoM in Seenot retteten und an die italienische Küste brachte.

Ihnen wird vorgeworfen, Teil eines Schlepper-Netzwerkes zu sein. Bis heute gibt es in diesem wahnsinnigen Prozess noch keinen Freispruch und auch kein Urteil. Doch eines ist klar: Hiermit will die EU solidarische Unterstützung von PoM kriminalisieren und ein abschreckendes Exempel statuieren.

Mehr dazu auf: https://iuventa-crew.org/de/

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