Die Schockstarre verlassen

veröffentlicht am 18. März 2020

In Zeiten wo selbst Standard Redakteur_innen davon sprechen, dass sie froh sind, dass es den Verfassungsgerichtshof gibt, weil sie sich Sorgen machen, dass der Staat die momentan notwendigen Maßnahmen nicht zurück nimmt, treffen anarchistische Ideen und Praxen den Punkt.

Wir wissen schon längst, dass die Notwendigkeiten der Eindämmung des Virus nur der Vorwand sind das autoritäre Experiment weiterzuentwickeln. Die Präsenz der Polizei auf den Straßen und die Einberufung des Militärs sind nur ein Vorgeschmack auf das was kommen wird. „Wir für Österreich“, jetzt machen „wir“ die Grenzen dicht. „Wir“ müssen zusammenhalten. Gegen den unbekannten Feind. Den unsichtbaren Feind. Gegen den unsichtbaren Feind können wir den Krieg erklären. Mit allen Konsequenzen. Wir sehen die Veränderung der Sprache. Es wird von Feldlazaretten gesprochen, vom Volkskrieg (China), Waffen auf den Tisch legen (Deutschland). Notstand, Ausgangsbeschränkungen, soziale Kontrolle. Glauben wir wirklich, dass dies alles geschieht um den Virus einzudämmen ? Nein, es ist eine Übung. Eine Übung der sozialen Kontrolle, eine Untersuchung im Feld des sozialen Krieges in dem wir uns schon vor den Maßnahmen befanden. Jetzt kann gesehen werden, wer loyal zur Idee des Staates ist und wer nicht. Dem Abschaum wird sich entledigt, die Gefangen getötet, wenn sie es wagen auf ihre Situation aufmerksam zu machen (Italien). Die Obdachlosen werden eingesammelt und interniert (USA). In Österreich werden wieder einmal Gesetze erlassen, die die Unternehmen retten, die Arbeiter_innen aber vor dem Nichts stehen lassen.
Und was tun wir ? Wir stehen da mit weiten Augen und offenen Mündern ob der Geschwindigkeit der Transformation. Machen uns lustig über die Loyalist_innen, die brav daheim bleiben und in ganz Europa um 18 Uhr der Polizei applaudieren. Sind entsetzt über die Aufrufe zur Selbstkontrolle. Sind erzürnt über Menschen, bei denen wir dachten, sie stünden früher zu mindestens irgendwie auf unserer Seite, die, die jetzt am lautesten den Staat und seine Maßnahmen verteidigen.
Jedoch ist es jetzt an der Zeit uns nicht schockieren zu lassen. Es ist jetzt die Zeit mit allen unseren Mitteln zu handeln. Die Möglichkeit unsere Positionen der letzten Jahren zu überdenken und einen neuen Schritt in der Qualität unseres Handelns zu setzten,
Die Corona-Pandemie wird eines Tages vorbei gehen, die Erfahrungen nicht. Diejenigen, die unser Handeln verstehen, haben jetzt die Augen offen. Sie sehen das Handeln der Mobilfunkkonzerne, die jetzt jegliche Fassade abwerfen und antreten unsere Leben offensichtlich zu kontrollieren. Für tausende Menschen platzt gerade die letzte Blase der Illusion eines mörderischen Kapitalismus, wenn sie vor den Trümmern ihrer Existenzen stehen, während die Unternehmen, die sie jetzt auf die Straße setzten vom Staat hofiert werden.
Wir können jetzt sehen, auf welche Gefährt_innen wir uns verlassen können. Auf diejenigen, die den ersten Schock abschütteln, ihre Strukturen anpassen und wieder handlungsfähig sind. Aber wir dürfen auch nicht diejenigen vergessen, die unsere Unterstützung brauchen, unsere Solidarität. Diejenigen, die gerade besonders betroffen sind. Sei es nun aus Angst vor der Krankheit oder der kommenden Zeiten, diejenigen, die sich aus Rücksicht auf sich und andere zurückhalten müssen. Diese dürfen wir nicht vergessen, nicht verurteilen und mit all unserer Wärme und Liebe nach der Pandemiewelle wieder begrüßen. Denjenigen die uns jetzt aktiv sabotieren, ihre wahre autoritäre Gesinnung zeigen, müssen wir aber mit der angebrachten Verachtung entgegen treten.
Wir müssen jetzt die Augen offen halten und die autoritären Projekte analysieren und benennen. Sei es nun die Forderung Bargeld abzuschaffen oder das Opfern der Arbeiter_innen für das Wohlergehen der Unternehmen. Seien es nun die offenen Skigebiete, die als Herd der Infektion in Europa gelten können oder der Ausschluss der Presse (außer APA und ORF). Seien es nun Rechte, die sofort die Parallele Pandemie und Geflüchtete ziehen oder das Verschweigen jeglicher anderen Themen, an den Grenzen Europas.
Das Konzept Europa ist erschüttert und damit auch Österreich in seinem Herzen. Der globale Kapitalismus hat seine Hilfe bei der Ausbreitung des Virus gezeigt. Die Notwenigkeit Luxusproduktion aufrechtzuerhalten, um die Wirtschaft zu stabilisieren offenbart die Farce des Sozialstaates. Die plötzlich vorhanden Milliarden für die Wirtschaft und die Bereitschaft „Opfer“ zu bringen straft die Jahrzehnte des zögerlichen Handelns im Anblick der ökologischen Katastrophe Lügen.
Die Staaten entblößen jetzt endgültig ihr Gesicht. Die Welt brennt und wir müsse ein Teil davon sein. Unsere Ideen sprechen von einer solidarischen Gesellschaft, einer Gesellschaft in der es kein Problem wäre wenn Produktion zurück gefahren werden müsste, in der der Mensch und die Natur vor Produktionsinteressen stünden.
Wir haben die Beispiele an denen wir unsere Argumente beweisen können vor uns liegen. Wir müssen sie nur ergreifen. Im Zusammenbruch der sozialen Routine besteht unsere Möglichkeit.
Jetzt wo sich das Leben auf wenige Orte beschränkt, können wir gezielt agitieren. Jetzt wo Probleme skandalisiert wurden können wir durch entschlossenes Handeln einen Weg für die Wut zeigen. Jetzt wo wir selbst aus unserer Routine gerissen wurden können wir uns selbst zeigen, wofür wir stehen.

Wir dürfen uns keinerlei Illusion hingeben: Der Virus ist gefährlich. Der vorsichtige Umgang mit sozialen Kontakten ist hierbei genauso wichtig, wie die bewusste Anwendung von Hygiene. Der bewusste Umgang mit der Informationsflut und die Umsetzung notwendiger Maßnahmen dient nicht nur unserem Schutz sondern auch dem Schutz unserer Gefährt_innen und umgebenden Menschen. Aber auch in Anbetracht dieser Tatsachen, denen wir uns stellen müssen, haben wir Handlungsmöglichkeiten.

Der Kapitalismus ist der Virus,
die Zivilisation die Pandemie,
die ökologische Krise die Katastrophe.

Für die befreite Gesellschaft.
Für die Anarchie!

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