Jacob Blake und die Polizeigewalt in Kenosha, Wisconsin

veröffentlicht am 4. September 2020

Im folgenden ein Text aus der Antira Wochenschau #35 vom 1. September 2020. Er behandelt die Schüsse in den Rücken eines Schwarzen Mannes, der von der Polizei schikaniert wurde. Als er in sein Auto steigen wollte, schoss ihm der bleichgesichtige Polizist* Rusten Sheskey sieben mal (!) in den Rücken.

Anschließend an den Text der Wochenschau ein paar notwendige Ergänzungen zur Polarisierung zwischen der antirassistischen Black Lives Matter Bewegung und dem rassistischen Mob in den USA.

Jacob Blake und die Polizeigewalt in Kenosha, Wisconsin

Kenosha, Wisconsin: Auf einem Video vom 23. August 2020 ist Jacob Blake zu sehen. Er läuft zu seinem Auto. Ein Polizist folgt ihm. Blake öffnet die Tür. Er beugt sich hinunter. In diesem Moment wird ihm von der Polizei siebenmal in den Rücken geschossen. Blake kommt auf die Intensivstation und wird, so seine Familie, nie mehr laufen können. Im Auto, so der Anwalt auf «CNN», seien Blakes drei Kinder - im Alter von drei, fünf und acht – gesessen.

Die Polizei, so weitere Informationen zum Vorgang, sei wegen eines «häuslichen Zwischenfalls» gerufen worden. Blakes Anwalt erklärt, Blake haben einen Streit geschlichtet. In dem Auto, in das Blake einsteigen wollte, wurde ein Messer sichergestellt, wie Wisconsins Generalstaatsanwalt Joshua Kaul mitteilte. Blake habe dem Polizisten zuvor «an einem bestimmten Punkt» gesagt, dass er ein Messer habe. Weitere Waffen waren nicht im Auto. Weshalb die Polizei ihm siebenmal in den Rücken geschossen hat, ist schlicht unerklärlich. Der Polizist, der geschossen hat, ist aktuell vom Dienst suspendiert.

Der Tod von Blake löste in Kenosha weitere Proteste gegen Polizeigewalt aus. Zwei Demonstranten* wurden getötet, unzähligen Autos brannten, Gebäude standen in Flammen. Weder, dass die Polizeigewalt in Kenosha zu einem weiteren toten Menschen führte, noch die daraus entstehenden Proteste seien eine Überraschung, so Christy C., Dozentin an der Universität Wisconsin-Madison. Jahrelang gab es Spannungen zwischen der Polizei und der schwarzen Community. Der mittlere Westen habe eine 200-jährige unaufgearbeitete Geschichte des Rassismus, so C. So führen etwa die Bundesstaaten North und South Dakota, Nebraska, Kansas, Minnesota, Iowa, Missouri, Illinois, Michigan, Indiana, Ohio und eben auch Wisconsin die Statistik an, wenn es um die größte Differenz zwischen weißen und Schwarzen bei der Arbeitslosigkeit geht. Auch die Zahl der konzentrierten Armut bei der Schwarzen Bevölkerung ist im Mittleren Westen am höchsten. Seit langem kämpfen Bürgerrechtler*innen zudem für die Überwachung gewalttätiger polizeilicher Übergriffe in Wisconsin. Bisher wurde nichts umgesetzt. Und nun kam es zu den Schüssen auf Jacob Blake.

George Floyd war nicht der Anfang. Es gibt bereits unzählige Tote aufgrund rassistischer Polizeigewalt. Jede*r von der Polizei getötete Mensch nach George Floyd und im Zuge der wiedererstarkten Black Lives Matter Bewegung ist jedoch eine Faust ins Gesicht der Protestierenden. Als ob sie nicht gehört würden. Als ob die staatlichen Gewaltinstitutionen sich nicht dafür interessierten und nur ihre Macht sichern wollten. Wenn das die Antwort der staatlichen Institutionen auf den herrschenden Rassismus ist, müssen die Proteste noch lange weitergehen.

Notwendige Ergänzung: der rassistische Mob und die weiße Überheblichkeit

Die Black Lives Matter Bewegung entstand nicht als Reaktion auf den Tod von George Floyd. Denn wie mittlerweile bekannt sein sollte, werden in den USA jede Wochen Schwarze Menschen von rassistischen weißen Polizist*innen ermordet. Es wichtig die Bedeutung der Proteste nach dem Mord an George Floyd zu erinnern, jedoch sollte nicht vergessen werden, dass diese eine Folge von jahrzehntelanger Organisierung gegen rassistische, weiße Polizeigewalt sind.

Dass die Black Lives Matter Bewegung seit einiger Zeit nicht nur mit der Polizeirepression zu kämpfen hat, ist eine Entwicklung, die bisher in Europa kaum wahrgenommen wurde. Rassistische Milizen, Nazis und Faschist*innen, die "white supermacists", wie sich viele von ihnen selbst bezeichnen, traten bei unzähligen Protesten der vergangenen Wochen und Monate in Erscheinung, um einerseits die BLM Aktivist*innen zu provozieren, andererseits auch, um aktiv gegen sie vorzugehen. In Kenosha eskalierte die Situation nun, nachdem ein bewaffneter weißer Jugendlicher zwei Menschen erschoss. Die Toten wurden im Bericht der Antira-Wochenschau zwar erwähnt, auf die wichtige Information, durch wen zwei Menschen ermordet wurden, aber vergessen.

Dass dieser Vorfall die weißen rassistischen Milizen bestärkt, entspringt der Ideologie der weißen Überheblichkeit. Für diese zählen nur die Leben der Überheblichen, während Schwarze Menschen als "minderwertig" betrachtet werden. Ganz in der Tradition der Sklaverei, in der die Sklav*innen "vogelfrei" waren und ein weißer, der einen Schwarzen ermordete, kaum etwas zu befürchten hatte.

In einem Interview mit einem internationalen TV-Sender gaben Vertreter rassistischer Gruppen an, dass sie zu den Protesten kommen, um "weißes Eigentum" zu beschützen. Dabei werden sie von der Polizei willkommen, so wie der 17jähreige Todesschütze von Kenosha, der sich vor der Tat in einer Gruppe befand, der ein weißer Polizist mitteilte, dass ihr Erscheinen von der Polizei begrüßt wird - was auf Video dokumentiert ist. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass der Mörder nach der Tat unbehelligt von den zahlreichen anwesenden Polizeikräften einfach davon spazieren konnte - mit seiner Waffe. Erst am nächsten Tag (soweit ich mich erinnere) wurde er von der Polizei in einer anderen Stadt verhaftet.

Die Proteste gegen rassistischen Polizeiterror quer durch die USA gehen weiter. Und damit auch die Auseinandersetzungen zwischen dem rassistischen Mob, der immer öfter bei Black Lives Matter Protesten erscheint und diese attackiert. Am vergangenen Wochenende führte dies zu massiven Auseinandersetzungen, bei denen ein Nazi ums Leben kam. In der Folge nutzte dies Trump, der kaum einen Toten durch die Hand von Rassist*innen betrauert, zu einem Nachruf auf den getöteten "Patrioten". Im Zuge des Wahlkampfes für die Präsident*innenwahlen im November versucht Trump, die Situation in seinem Interesse zu instrumentalisieren, was zu einer weiteren Spaltung innerhalb der US-Gesellschaft führt. Und diese wird wohl noch weitere Todesopfer fordern. Es zeigt einmal mehr, dass eine restriktive law-and-order Politik vor allem im Sinne rechtsextremer und faschistischer Kreise ist - und deshalb will der von vielen Menschen gehasste und von anderen vergötterte derzeitige US-Präsident vor allem auf das Thema "law and order" setzen.

Zum Abschluss: Anmerkungen zum Beitrag von antira.org

Es wurden ein paar Formulierungen geändert und vor allem wurde der Satz, dass "es zum Mord an Jacob Blake" kam, richtig gestellt. Blake überlebte die sieben Schüsse in seinem Rücken, er wird aber sein Leben lang gelähmt sein. War es die Absicht des weißen Polizisten*, Blake zu ermorden? In einem Statement von Black Lives Matter Global Network ist zu lesen: "Any person who will shoot someone seven times in the back is not shooting to slow someone down. They are shooting to kill." - Kurz gesagt: Wer eine Person sieben mal in den Rücken schießt, macht dies, um diese Person zu töten.

Nicht nur wenn Menschen ermordet werden, sollte der rassistischer Terror kritisiert werden. Denn es geht hier um viel mehr - es geht um soziale Ungerechtigkeit, um eine rassistische Einteilung in angeblich "Über- und Unterlegene". Diese ist eingebettet in eine Jahrhunderte lange Ausbeutung und Unterdrückung Schwarzer Menschen - nicht nur in den USA und in Afrika, sondern weltweit. Deshalb sollten die Black Lives Matter Proteste nicht auf einen Widerstand gegen Polizeiterror reduziert werden, sondern als das wahrgenommen werden was sie sind: Proteste für soziale Gerechtigkeit und ein Leben in Würde. Denn solange Schwarze Leben nicht zählen, zählt kein Leben.

Es ist notwendig, sich viel intensiver mit der Jahrhunderte langen Geschichte von Rassismus und weiteren Formen von Unterdrückung auseinanderzusetzen. Denn Rassismus kann nicht getrennt von Kapitalismus, Sexismus, Faschismus usw. gesehen werden. Der Kampf für soziale Gerechtigkeit in ein langer - doch er muss statt finden, damit ein Leben in Würde für alle Menschen möglich wird. In einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Links:

Artikel zu Black Lives Matter auf emrawi.org:

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